Schmucke Fassaden, düstere Zukunft

Süddeutsche Zeitung, 06.04.2006


Immer weniger Kinder, verlassene Läden und Abwanderung - eine einstige Industriehochburg schrumpft zur Problemzone

 

Wunsiedel, im April - Es ist nur ein kleines Detail, natürlich. Aber eines, das gut passt als ein Zeichen, das vom Rückzug der Jugend kündet. Im Zeitschriftenregal des riesigen Supermarkts am Ortseingang von Arzberg liegt eine längst veraltete Ausgabe eines bekannten Jugendmagazins. Das aktuelle Heft gibt es nicht.

 

Auf einem Hügel über dem Supermarkt, in dem an einem Dienstagnachmittag gähnende Leere in den Gängen herrscht, thront majestätisch das Hotel „Alexander von Humboldt" - mächtige Holzbalkone, eine breite Auffahrt. Das Gebäude ist leer, schon seit vielen Jahren.

 

„Es tut im Herzen weh", sagt Helga Walther. Sie ist 57 und eine resolute Frau. Früher ist sie ausgegangen in Arzberg, zu Tanztees. Früher, da quollen die Straßen über vor Menschen, die abends aus den Porzellanfabriken strömten und ihre Einkäufe in der Innenstadt erledigten. Heute erträgt Helga Walther den Anblick der verrottenden Porzellanfabriken nicht mehr.

 

Der Nordosten Bayerns ist zur Problemzone geworden. In der Prognose des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung schneidet der Landkreis Wunsiedel miserabel ab. Bis 2020 wird er demnach bis zu 15 Prozent seiner Bevölkerung verlieren. Zwischen 1992 und 2000 fielen in Oberfranken mehr als 25 000 Arbeitsplätze weg. Die Geburtenrate ist niedrig, junge Menschen zieht es weg aus der Region, wo es für sie keine Arbeitsplätze gibt und keine Zukunft.

 

Arbeitslos und depressiv

 

Die Innenstadt von Arzberg ist heute nur noch eine Hülle vergangener Zeiten. Viele Schaufenster sind leer. Im Elektroladen von Gerhard Meyer veralten manche Geräte in den Regalen. Die rote Schrift auf der Schachtel mit dem Partywok ist rosa ausgeblichen.

 

Heute, sagt Helga Walther, seien viele Menschen arbeitslos und depressiv. Noch gibt es drei Kindergärten im Ort, sie leitet einen davon. Es herrscht ein Kampf um die Neuanmeldungen, denn wer sich nicht mehr rentiert, wird zuerst dichtgemacht.

 

Wer Arzberg in Richtung Kirchenlamitz verlässt, fährt durch Dörfer und kleine Städte, die sich alle ähneln: Schmucke sanierte Hauptstraßen, kaum Menschen, verlassene Läden. In Marktleuthen ist das Schaufenster einer Metzgerei leer und schmutzig. Im Kindermodeladen hängt wenig Kleidung und ein Schild. Man muss erst in der Wohnung läuten. Den ganzen Tag im Geschäft stehen lohnt sich hier nicht. Kirchenlamitz ist ein Städtchen mit 4000 Einwohnern, es waren einmal 5500. Der Porzellanhersteller Winterling hatte hier eine Fabrik, das halbe Dorf ging hier zur Arbeit. Als die Fabrik im Jahr 2000 insolvent war, verloren auf einen Schlag Hunderte Kirchenlamitzer ihren Job.

 

Die Hauptstraße hat schmucke Fassaden. Im vergangenen Jahr hat es für die Altstadtsanierung Geld von der Bundesregierung gegeben. Damit die Leute nicht das sagen, was Gäste der Pensionswirtin Ingeborg Weisflog fragten, als sie zum ersten Mal kamen: Ob denn hier schon die DDR gewesen sei, es sehe so finster aus. Nein, finster sieht es nicht mehr aus, von außen zumindest nicht. Der Gasthof „Zum Goldenen Löwen" hat bis heute Haltung am Marktplatz bewahrt. Er steht seit über zehn Jahren leer. Das Bekleidungsgeschäft Burger direkt am Marktplatz ist leer, überall in den großen Schaufenstern hängen verzweifelte „Zu vermieten"-Schilder. Veronika Burger gehört das Haus. „Ich will verkaufen oder vermieten, ganz egal." Es will aber keiner mieten oder kaufen. Es will sich auch kein größeres Unternehmen hier ansiedeln. Seit Winterling pleite ging, das war vor sechs Jahren, führt der Bürgermeister ohne Erfolg Gespräche mit Unternehmen. Wenn sich niemand findet, der die leeren Gebäude mit neuem Leben füllen will, muss abgerissen werden.

 

Auf der Hauptstraße flanieren Arda, 18, und Emre, 17. Arda macht eine Ausbildung zum Produktionsmechaniker in Hof. Viele Freunde wollen nach der Schule ganz schnell weg, sagt Imre. Und die, die hier bleiben wollen? „Für die gibt es hier nichts." Am Wochenende fahren sie in die Disco nach Weiden, das ist 70 Kilometer entfernt. Früher, erzählt Sabine Lochschmidt vom Schreibwarenladen, gab es zwei Discos in Kirchenlamitz, da kamen die Leute auch von auswärts zum Tanzen, ins „Kontiki" und ins „Broadway". Karin Schreyer leitet den Kindergarten im Ort. Die Lage ist die gleiche wie in Arzberg: Die Kinder werden immer weniger. Anfang der 90er Jahre waren es einmal 112 Kinder. Die Zahl von 95 kam heuer nur zustande, weil mittlerweile auch jüngere Kinder und Schulkinder zur Nachmittagsbetreuung aufgenommen werden, sonst wären es nur noch 75. Im letzten Jahr kamen auf 29 Geburten 61 Sterbefälle. Karin Schreyer rechnet damit, dass bald Gruppen geschlossen werden - dass junge Familien nach Kirchenlamitz kommen, das glaubt sie nicht. „Arbeit gibt es hier nicht, und junge Menschen wollen da hin, wo Arbeit ist."

 

Es gibt in Kirchenlamitz und anderswo im Landkreis Menschen, die sich nicht damit abfinden wollen, dass ihre Heimat als eine Region ohne Zukunft gilt. Diese Menschen glauben, dass man dem Niedergang etwas entgegensetzen kann. Einer dieser Menschen ist Reinhard Weiß, seit 17 Jahren Bürgermeister von Kirchenlamitz. „Die Hoffnung stirbt zuletzt", sagt er. Die Trägheit und der Pessimismus im Ort stören ihn. „Wir waren zu lange eingelullt. In der Früh ging man in die Fabrik zum arbeiten, kaufte abends im Ort ein, trank sein Bier, niemand musste sich Sorgen machen." So einfach sei die Welt heute nicht mehr. Er will junge Familien durch ein besonders gutes Kinderbetreuungsangebot locken. Und da die Alten immer mehr werden, wird Kirchenlamitz dem Beispiel vieler Kommunen im Landkreis folgen.

 

Oberfranken-Ost ist die viertälteste Region in ganz Deutschland. In Kirchenlamitz ist ein Neubau mit Wohnmöglichkeiten für Senioren geplant. Und mit der leeren Porzellanfabrik muss etwas passieren. Weiß träumt von einem „Multifunktionszentrum": Gewerbe, Gastronomie, Veranstaltungsräume unter einem Dach. Kirchenlamitz soll schöner werden. Die Gemeinde zahlt Geld an Bürger, die ihre Fassade in der Altstadt sanieren wollen, dazu gibt es fünf kostenlose Beratungsstunden mit einem Architekten. Eine schöne Kulisse wird so entstehen. Ein Bühnenbild für eine Bühne, deren Darsteller langsam abtreten.