Land der Täter

zitty, Januar 2010

 

Es hat 20 Jahre gedauert: Am 1. Februar bekommt Brandenburg mit der Bürgerrechtlerin Ulrike Poppe seine erste Stasibeauftragte. Endet damit die Demütigung der Opfer?

 

Joachim Viand ist 21, als sein Leben zerbricht. 1982 fährt er mit einem kleinen Koffer nach Rostock, er hat genug vom Klima der Unfreiheit in der DDR. Seine Militärlaufbahn als Hubschrauberpilot ist nach einem halben Jahr gescheitert, weil seine politische Gesinnung den Ausbildern nicht passte, er wollte im Politunterricht diskutieren über die hohlen Phrasen der SED-Ideologie. Nun will er sich als blinder Passagier auf ein Schiff schleichen. Eine echte Chance, dachte er damals. Ziemlich naiv, sagt er heute.

Schon bevor er aufs Hafengelände gelangt, ist Schluss, zwei Zivilpolizisten verhaften ihn, Paragraph 213, Versuch des ungesetzlichen Grenzübertritts. Seinen Eltern und den Geschwistern erzählt die Stasi, er sei bei einem bewaffneten Raubüberfall auf einen Bus gefasst worden. Viand ist jetzt ein Staatsfeind. Fünf Monate lang wird er im Rostocker Stasigefängnis verhört. Manchmal tagelang gar nicht, manchmal holen sie ihn mitten in der Nacht ins Verhörzimmer. Fünf Monate Angst, wenn die Wärter mit dem Schlüssel über die Gitterstäbe kratzen und klar ist, sie holen einen. Tagsüber Isolationshaft in der Dunkelheit, nachts kein Schlaf bei grellem Licht; eine Stunde täglich im Kreis laufen im Tigerkäfig, einem Betonblock, wo ein Gitter die Aussicht in den Himmel versperrt; das ständige Gefühl, beobachtet zu werden, die Panik, wenn sich der Türspion mit leisem Geräusch zur Seite schiebt. Joachim Viand wird zu 18 Monaten Haft verurteilt, die er abzüglich der Untersuchungshaft in Bitterfeld absitzt.

Seit 20 Jahren kämpfen Menschen wie Joachim Viand gegen die Bitterkeit und für ihre Würde. In seiner Heimat Brandenburg ist ihm das so schwer gemacht worden wie in keinem anderen Bundesland. Er kann sich heute nicht gegen das Gefühl wehren, sagt er, dass es den Tätern von damals besser geht als ihm, dass sie ihn verhöhnen. Erst jetzt, mehr als 20 Jahre nach dem Mauerfall, will Brandenburg nachholen, was die ganze Zeit unter den Teppich gekehrt wurde: die Aufarbeitung der SED-Diktatur, die angemessene Betreuung derer, die während der DDR von der Stasi verfolgt wurden, die inhaftiert, gefoltert und zersetzt wurden, und die dachten, die Wende würde ihnen Gerechtigkeit bringen.
Ulrike Poppe ist die Frau, die sich bereit erklärt hat, ein Amt anzutreten, das Hubertus Knabe, der Leiter der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, als „das schwierigste Amt, das in Sachen DDR-Vergangenheitsbewältigung zu vergeben ist", bezeichnet. Im Dezember wurde die 56-Jährige, als Bürgerrechtlerin in der DDR selbst im Visier der Stasi, vom Landtag einstimmig zur „Beauftragten des Landes Brandenburg zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur", wie das Amt korrektbürokratisch heißt, gewählt. Am 1. Februar soll sie anfangen. Sie hat sofort gesagt, dass sie keine Lust hat, nur als Alibi, als Feigenblatt für die von Stasiskandalen gebeutelte rot-rote Koalition bereitzustehen. Sie hat sich gewehrt, als ihr Dienstsitz an den Stadtrand von Potsdam gelegt werden sollte. Ihr Büro wird nun direkt in Potsdams Innenstadt untergebracht, im Haus des früheren Stasi-Gefängnisses an der Lindenstraße. Für die Opfer, sagt Poppe, sei eine zentrale Anlaufstelle wichtig.

Für die Opfer ist noch etwas anderes wichtig: Dass die Verbitterung ihren Griff ein bisschen lockert. Dass dieses Gefühl eines Tages nachlässt, die Wende hätte nicht die Täter zu Verlieren gemacht, sondern sie selbst.
Anfang 1984 kommt Joachim Viand frei, wird einer landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft zugeteilt, sammelt Steine auf Äckern. Er stellt einen Ausreiseantrag, bekommt Besuch von der Stasi, die ihm Privilegien anbietet, sollte er als IM kooperieren. Er lehnt ab. Er spürt, dass er unter Beobachtung steht, jemand streut gezielt Gerüchte über eine angebliche Alkoholabhängigkeit. Als die Mauer fällt, zieht Joachim Viand nach Osnabrück, fängt dort als LKW-Fahrer an. Seine Ehe geht in die Brüche, 2007 zieht er zurück nach Lübben in den Spreewald, seine Tochter will dort zu ihm ziehen. Joachim Viand ist heute ein schmaler Mann, der sich in Sarkasmus flüchtet, wenn er seinen Schmerz verbergen will. Er hat sich durchgekämpft, hat sich rehabilitieren lassen, die Opferrente von 250 Euro beantragt, die denen zusteht, die länger als ein halbes Jahr in Haft waren.

Viand lebt von Hartz IV, seit seiner Rückkehr nach Lübben ist die Verbitterung größer geworden. Er hat Alpträume, ist manchmal euphorisch, dann wieder tagelang depressiv und spricht mit niemandem. Er studiert Psychologie an der Fernuniversität Hagen. In seiner Arbeitsagentur, die ihm als Betroffener der SED-Diktatur bei der Eingliederung ins Berufsleben helfen sollte, erkennt er in den grauen, missmutigen Gesichtern der Angestellten die früheren Funktionsträger. Er ist bei keinem Arzt mehr gewesen, trotz seines kaputten Rückens, aus Angst, in ein Gesicht von früher zu blicken. Er weiß nicht, wem er vertrauen soll. Sobald seine Tochter ihr Abitur gemacht hat, will Joachim Viand wieder in den Westen.

Bei vielen anderen Betroffenen sind das Misstrauen und die Angst, in Behörden und Ämtern auf bekannte Gesichter zu stoßen, so groß, dass sie ihre gesetzlichen Ansprüche bisher überhaupt nicht geltend gemacht haben. In keinem anderen Land wurden so wenige Menschen auf ihre Stasivergangenheit überprüft wie in Brandenburg. Offizielle Zahlen, wie viele Menschen in welchen Funktionen überprüft wurden und mit welchen Konsequenzen, habe Brandenburg nie vorgelegt, sagt Hubertus Knabe.

1995 hat Brandenburg als einziges Bundesland die Regelanfrage bei der Stasi-Unterlagen-Behörde abgeschafft. In keinem anderen Bundesland wurden so viele frühere SED-Funktionäre in den Staatsdienst übernommen wie hier. Vor einem halben Jahr wurde bekannt, dass das Landeskriminalamt mindestes 58 frühere Mitarbeiter der Stasi beschäftigt. In Wissenschafts- und Kulturinstitutionen wurden in Brandenburg 29 Prozent der ehemaligen DDR-Funktionäre entlassen, in Sachsen waren es 55 Prozent und in Thüringen 70 Prozent.

Der „Brandenburger Weg" des selbst stasibelasteten Ex-Ministerpräsidenten Manfred Stolpe (SPD), ist bisher nicht kritisch aufgearbeitet worden. Hubertus Knabe sagt, die frühere Stasibeauftragte von Sachsen-Anhalt habe zum Beispiel vorbildlich in dieser Richtung gearbeitet: „Sie hat die Überprüfungsergebnisse jeder Kommune veröffentlicht, um Transparenz zu schaffen. Die Menschen konnten so nachvollziehen, wo die alten Kader geblieben sind und welchen Stellen sie vertrauen können." Eine solche Aufarbeitung, sagt Knabe, sei eine der wichtigsten Aufgaben nach dem Ende einer Diktatur.
So als habe es in Brandenburg je eine ernsthafte Auseinandersetzung zwischen DDR-Kadern und Bürgerrechtlern gegeben, wollte Stolpes Nachfolger Matthias Platzeck (ebenfalls SPD) seine nach den Landtagswahlen im September gebildete rot-rote Regierung zu einem Kabinett der „Versöhnung" machen. Die Stasi-Fälle in der Linken-Fraktion haben ihn rasch auf den Boden geholt. „Herr Platzeck mit seiner Stasi-Koalition ist bei den Betroffenen unten durch", sagt Hubertus Knabe. Da er Frau Poppe ausgesucht habe, müsse sie sich von diesem Stigma erst einmal freimachen. Aber Knabe sagt auch, dass Poppe große Freiheiten habe. Obwohl sie als Stasibeauftragte eigentlich das sofortige Ende der Regierung fordern müsste, die sie eingesetzt hat. Aber diese Regierung wird sie nicht so bald wieder aus dem Amt entfernen können, das gibt ihr die Möglichkeit, unangenehme Forderungen zu stellen.

Mario Röllig sagt, er freue sich riesig auf Frau Poppe. Er ist der Landesvorsitzende der Vereinigung der Opfer des Stalinismus für Berlin und Brandenburg. Mario Röllig hat erfahren, wie schmerzhaft die Konfrontation mit den Tätern von damals ist. Und wie schwer das höhnische Selbstbewusstsein der Täter zu ertragen ist. Röllig, heute 42, versucht 1987 als 19-Jähriger aus der DDR zu flüchten, an der ungarisch-jugoslawischen Grenze wird er gefasst. Drei Monate in der Untersuchungshaftanstalt Berlin-Hohenschönhausen brechen ihn. Jahre später, er arbeitet als Verkäufer im KaDeWe, steht der Mann vor ihm, der ihn damals verhört hat. Als Kunde, er will Zigarren kaufen. Mario Röllig bricht zusammen, versucht sich das Leben zu nehmen, verbringt fünf Monate in der Psychiatrie, kann heute wegen einer posttraumatischen Belastungsstörung nicht mehr arbeiten. Ehrenamtlich berät er Betroffene, macht Führungen durch das ehemalige Untersuchungsgefängnis, in dem er einsaß.

Von Ulrike Poppes Amtsantritt erhofft er sich auch eine bessere finanzielle Ausstattung für die Opferberatung. In Berlin bekomme seine Vereinigung 60.000 Euro pro Jahr, sagt Röllig. In Brandenburg seien es bis jetzt jährlich nicht mal 4.000 Euro gewesen. Bei drei Mal so vielen Betroffenen. Er hat eine Zeitlang die Menschen, die er als Funktionsträger von einst wieder erkannte, in ihren alten Positionen oder an der Supermarktkasse, angesprochen. Schämen Sie sich nicht, hier immer noch zu sitzen? Oder wieder? Drei Antworten, sagt er, habe er zu hören bekommen: ‚Was wollen Sie eigentlich, es war doch alles rechtens damals.' Und: ‚Das waren anderen Zeiten.' Und: ‚Wir waren immer gut zu Ihnen.' Irgendwann hat er es aufgegeben, nach so etwas wie Sühne zu suchen.
Es wird einiges geben, was Ulrike Poppe nicht schaffen kann. Ein Klima der Versöhnung, hat sie selbst gesagt, setze voraus, dass die Täter ihre Schuld anerkennen. Damit ist nicht zu rechnen. Die Täter von einst, organisiert in zahlreichen Ehemaligen-Verbänden, wollen sich die Deutungshoheit über die Geschichte zurückholen, verbissen, unverbesserlich, trotzig und vor allem sich keiner Schuld bewusst. Aber vielleicht kann sie den Brandenburger Stasisumpf von unten trockenlegen, angefangen bei den Schulen, in denen in Brandenburg das Thema DDR-Aufarbeitung bisher vernachlässigt wird. Und sie kann den Opfern dabei helfen, sich nicht mehr ständig als solche zu fühlen.

 

Hilfe für Betroffene:
Stasiopfer Selbsthilfe e.V.
www.stasiopfer-selbsthilfe.de

 

Vereinigung der Opfer des Stalinismus
www.vos-ev.de