Die Jubelorgie von Persepolis

Süddeutsche Zeitung, SZ Wochenende, 31.01.2009


30 Jahre Iranische Revolution
Der Prunk des Schahs blendete den Westen. Umso größer war vor 30 Jahren die Überraschung durch die Iranische Revolution.

 

Schah Mohammed Reza Pahlewi weiß, dass er seine Macht endgültig verloren hat. Offiziell wegen einer medizinischen Behandlung verlässt er vom Krebs gezeichnet im Januar 1979 das Land, das er seit 1941 regiert hat. Eine Revolution, die innerhalb weniger Monate eine überwältigende Kraft entfaltet und zehntausend Menschen das Leben gekostet hat, verjagt den Despoten. Es ist der Hass des Volkes, der innerhalb weniger Jahre zu einem Umsturz geführt hat, wie ihn selbst jene Kräfte, die mit Inbrunst gegen das Regime kämpften, nicht vorauszusehen gewagt hatten.


1979 begann als Jahr der Hoffnung und endete im Desaster. Dem grausamen Regime des Schahs sollte der islamistische Gottesstaat des Ayatollah Chomeini folgen. Der Schah, den der Westen mehr als drei Jahrzehnte lang aufgebaut hatte, war zur unliebsamen Figur geworden: Verhasst innerhalb, nutzlos außerhalb von Irans Grenzen.

 

Noch gut sieben Jahre zuvor feierten die westlichen Mächte mit dem Schah seine Selbstherrlichkeit, ahnungslos, dass sie ihm bei einem imposanten Schritt in den eigenen Untergang Gesellschaft leisteten. Es war eine denkwürdige Einladung, mit der der Schah 1971 den Stein der Revolution endgültig ins Rollen brachte.


Die frühen Siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts waren die Blütezeit westlichen Einflusses in Iran. Der Schah war eine mächtige Marionette der USA, die ihn konsequent seit den Fünfziger Jahren zum Bollwerk gegen die Sowjets und Stabilisator im Persischen Golf aufgebaut, Milliarden in die Aufrüstung gepumpt hatten. Für Europa und die USA war Iran ein strategischer Stützpunkt und attraktiver Geschäftspartner. Die Hochglanzblätter in Europa berauschten sich am dekadenten Lebensstil des Schahs und seiner Gattin Farah Diba. Die repressive Herrschaft des Schahs funktionierte nur durch die gewaltsame Unterdrückung jeglicher Opposition. Der berüchtigte Geheimdienst Savak, den die CIA aufgebaut und deren Agenten sie in den USA ausgebildet hatte, folterte und mordete.


1970 begannen die Planungen für ein Fest, mit dem der Schah Maßstäbe der Dekadenz und des Prunks setzen sollte. Geschickt nutzte er die Möglichkeit, sich selbst als Nachfolger des großen Perserkönigs Kyros zu inszenieren und feierte das 2500jährige Bestehen der persischen Monarchie. Eine riesige Propagandamaschinerie wurde in Gang gesetzt, die staatlich kontrollierten Zeitungen und Fernsehsender verkündeten ein Fest für das iranische Volk - blanker Hohn, wie sich herausstellen sollte. Die Demonstration der eigenen Stärke geriet zur Groteske: Um den Stolz und das Selbstbewusstsein der iranischen Nation zu untermauern, wählte Mohammed Reza für das Spektakel einen Rahmen, wie er westlicher nicht hätte sein können.


Der damalige britische Botschafter in Teheran, Sir Peter Ramsbotham, erinnert sich im Gespräch mit Habib Ladjevardi, dem Leiter des Iranian Oral History Project in Harvard, wie der iranische Protokollchef ihn um Hilfe bei der Organisation bat: „Wir haben keine Erfahrung mit solch großen Veranstaltungen. Ihr Briten könnt das besser als alle anderen."


Mitten in der Wüste, neben den Ruinen von Persepolis, der Hauptstadt des antiken Perserreichs, ließ der Schah eine riesige, sternförmige Zeltstadt errichten. Mit der Innenausstattung beauftragte er den Pariser Innenausstatter Jansen, die Firma, die bereits Jackie Kennedy bei der Umgestaltung des Weißen Hauses geholfen hatte. Die Zelte wurden mit Kronleuchtern aus Baccarat-Kristall, Geschirr aus der französischen Porzellanstadt Limoges und Tischwäsche des französischen Luxuswäscheherstellers Porthault ausgestattet. Um das Catering kümmerte sich das Pariser Gourmetrestaurant Maxim´s. 165 Köche, Sommeliers und Kellner sollen in die iranische Wüste gereist sein. Und mit ihnen 25.000 Flaschen Wein, 7000 Pfund Fleisch, 8000 Pfund Butter und Käse, wie das US-Magazin „Time" nach der Feier aufzählte. Das Menü sah mit Kaviar gefüllte Wachteleier und gegrillten Pfau, gefüllt mit Foie Gras, vor.


Die Ausstattung war derart französisch geprägt, dass Frankreichs Präsident Georges Pompidou gescherzt haben soll: „Wenn ich kommen würde, würden sie mich wahrscheinlich zum Chefkellner machen." Anstelle Pompidous kam der Premier Jacques Chaban-Delmas. Richard Nixon ließ sich von seinem Vize Spiro Agnew vertreten. Es war die Absage von Königin Elisabeth, die den Schah besonders ärgerte - er wünschte den Prinz von Wales als Ersatz.

 

Charles aber absolvierte gerade seine Ausbildung bei der Royal Navy, dort sei er unabkömmlich, hieß es aus London. Schließlich landete Prinz Philip gemeinsam mit Prinzessin Anne am Steuer seines Privatjets in Persepolis. An die 70 Staatsoberhäupter oder ihre Vertretung und ihre Entourage strömten im Oktober 1971 nach Persepolis. Der deutsche Bundespräsident Gustav Heinemann hatte im August sein Kommen offiziell angekündigt, wegen Erkrankung, wie es hieß, wurde er vom Bundestagspräsidenten Kai-Uwe von Hassel vertreten. Der sowjetische Staatspräsident Nikolai Podgorny, Tito aus Jugoslawien, Rumäniens Diktator Nicolae Ceausescu, Fürst Rainier von Monaco und Grace Kelly, Königin Sophia von Griechenland, Prinz Bernhard der Niederlande und viele andere feierten mit dem Schah.


Gut möglich, dass es der unangemessene Pomp ohne wirklichen Anlass war, weshalb Nixon, die britische Königin und Pompidou fernblieben. In den kommenden Jahren wurde der Schah mit Staatsbesuchen entschädigt. Es waren keine Ahnungslosen, die sich im Glanz von Persepolis sonnten, sagt Johannes Reissner, der sich für die Stiftung Wissenschaft und Politik mit der Geschichte der Beziehungen zwischen westlicher und islamischer Welt beschäftigt. Die repressive Herrschaft des Schahs sei damals längst bekannt gewesen - seit der zweiten Hälfte der sechziger Jahre. „Dass sich Hochadel und Politiker der westlichen Welt im Pomp pseudo-altpersischer imperialer Größe selbst feierten, war dem propagandistischen Geschick des Schahs geschuldet. Und der eigenen Eitelkeit."


Bahman Nirumand will nicht behaupten, dass der Grund für Heinemanns Absage der Brief war, den die iranische Auslandsopposition in Deutschland an den Bundespräsidenten geschrieben und in dem sie den Präsidenten inständig gebeten hatte, von einer Reise nach Persepolis abzusehen. „Wie waren jedenfalls überglücklich, als wir hörten, dass Heinemann nicht kommen würde." Nirumand, heute 72, war 1965 aus dem Iran nach Deutschland geflohen, gehörte zu den führenden Figuren der 68er-Bewegung. Er war eng mit Rudi Dutschke befreundet, Ulrike Meinhof berief sich in ihrem offenen Brief an Farah Diba 1967 auf ein gerade erschienenes Buch Nirumands: „Persien, Modell eines Entwicklungslandes oder die Diktatur der Freien Welt".

 

Nirumand erinnert sich an das Entsetzen seiner Landsleute, das wuchs, je mehr Details der geplanten Feier bekannt wurden. Blumen wurden aus Frankreich bestellt, während in Shiraz, der Stadt der Rosen, die schönsten Blumen der Welt wuchsen? Die Staatskasse wird in Persepolis geplündert, während sich die Menschen in der nahen Provinz Balutschestan von Dattelkernen und Stroh ernährten? Die „Weiße Revolution" des Schahs von 1963 hatte dem Land in rasantem Tempo eine Industrialisierung und Modernisierung nach westlichem Vorbild aufgezwungen, die Bodenreform war missraten. Die Landbevölkerung hungerte, strömte in die Großstädte, an deren Rändern sich Slums wie riesige Teppiche ausbreiteten. Es war die Kluft zwischen der schier unglaubliche Dekadenz der Veranstaltung und der Armut der Bevölkerung, die die Menschen damals aufbrachte: Die iranische Nation sollte gefeiert werden, aber ohne das Volk. Mohammed Reza Pahlewis Verehrung des westlichen Lebensstils war der Geistlichkeit verhasst. Ayatollah Chomeini wetterte aus dem Exil, seine Hassschrift gegen die Feier war auch im Iran im Umlauf. Der Zorn wurde jedoch unter vorgehaltener Hand weiter getragen - der Savak wusste Kritiker zum Schweigen zu bringen.


Während der Vorbereitungen mehrten sich kritische Stimmen in der ausländischen Presse, denen der Schah zu begegnen wusste: "Soll ich den Staatsoberhäuptern Brot und Radieschen servieren?" Das iranische Volk fürchtete nicht nur um seine wirtschaftliche Existenz: Es sah die eigene kulturelle Identität bedroht durch einen Herrscher, der sich als Nachfolger des großen Perserkönige Kyros inszenierte und die vorislamische Geschichte Persiens zur Kostümschau machte. Der Größenwahn des Schahs zeigte sich in der Parade, mit der die Feierlichkeiten am 15. Oktober eröffnet wurden.

 

Kostümumzüge zeigten unterschiedliche Epochen der persischen Monarchie. Am Grab des Perserkönigs Kyros setzte der Schah an zu einer pathetischen Ansprache: „Ruhe in Frieden, denn wir sind wach, und wir werden wach bleiben." Das anschließende Festbankett mit gigantischer Lichtshow und Feuerwerk verlief nach Plan - im Vorfeld hatte es höchste Anstrengungen gegeben, die Sicherheit der Gäste zu garantieren: Abdolreza Ansari, der zum Organisationskomitee der Feier gehörte, sagte später, er habe damals mit General Nematollah Nassiri, dem Chef des Savak, gesprochen, der berichtete, die Verhaftung von 1500 „Verdächtigen" angeordnet zu haben. Andere Quellen sprechen von mehr als 2500 vorsorglichen Verhaftungen.

 

Die Gäste jedenfalls amüsieren sich prächtig. Der britische Botschafter schwelgte viele Jahre später in Erinnerungen: „Prinz Philip, der König von Jordanien, König Konstantin von Griechenland, König Baudouin von Belgien, alle waren ja etwa im gleichen Alter, und sie hatten Spaß. Sie schlenderten von Zelt zu Zelt, nahmen Drinks und plauderten. Sie fanden es großartig." Der Korrespondent der spanischen „Hola" erinnerte sich später: „Dieses Bankett war die größte Party des Jahrhunderts und es ist durchaus wahrscheinlich, dass etwas Ähnliches nie wieder stattfinden wird." In einem Interview in der ARD vier Jahre später sagte der Schah, als ihn der langjährige Teheraner Korrespondent Harald Kubens auf die massive Kritik an den Feierlichkeiten ansprach, mit süffisantem Lächeln: „Die Kosten für diese Feier, bleibende Werte natürlich nicht eingerechnet, beliefen sich auf drei Millionen Dollar. Die 20 Minuten der Amtseinführung eines amerikanischen Präsidenten kosten vier Millionen Dollar. Ziehen Sie daraus Ihre eigenen Schlüsse." Die tatsächlichen Ausgaben sind bis heute nicht genau zu beziffern, Schätzungen gehen aber von mindestens zweistelligen Millionenbeträgen bis zu mehr als hundert Millionen Dollar aus. Noch heute sprechen die Menschen im Iran fassungslos und wütend über das ferne Ereignis von 1971.

 

Das Bild, das sich dem iranischen Volk damals von ihrem Herrscher bot, sollte sich nicht mehr von dem Pomp von Persepolis erholen. Einige Jahre noch gelingt es dem Schah, sich an der Macht zu halten und die anschwellenden Proteste unter Kontrolle zu halten, dann entlädt sich der Zorn des Volkes auf den Straßen. „Bei keiner anderen Revolution waren so große Teile der Bevölkerung beteiligt", sagt Bahman Nirumand. Kurz vor dem Sturz des Schahs bringt der amerikanische Diplomat George Ball das Dilemma des Westens auf den Punkt: „Wir haben den Schah zu dem gemacht, was er nun ist. Wir haben seine Vorliebe für grandiose weltpolitische Entwürfe genährt, wir haben seine Fantasien beflügelt. Wir haben ihn so sehr zum Pfeiler unserer Interessen im Nahen Osten gemacht, dass wir von ihm abhängig sind. Jetzt zerfällt sein Regime unter dem Druck der aufgezwungenen Modernisierung, und wir haben keinerlei Alternative." Acht Jahre nach dem Prunk von Persepolis sind alle Schmeicheleien vergessen, der Schah ist für den Westen nutzlos geworden. Für den Schah beginnt vor 30 Jahren eine Odyssee - kein Land will ihn innerhalb seiner Grenzen wissen. Im Sommer 1980 stirbt er schließlich in Kairo.

 

Heute stehen Metallskelette an der Stelle der prunkvollen Zeltstadt von Persepolis. Gras und Gestrüpp wuchern da, wo einst Landschaftsgärtner Kunstwerke schufen. Nichts erinnert mehr an ein Ereignis, mit dem der Schah seinen Untergang einläutete und die Volksbewegung im Iran befeuerte.