Der stille Held aus Tagmersheim

Süddeutsche Zeitung, 03.04.2006. Ausgezeichnet mit dem Antonius-Funke-Preis

 

Seit über 30 Jahren pflegt Franz Mayr seine schwerkranke Frau

 

Es ist nicht so, dass sich das Leben von Franziska und Franz Mayr auf einen Schlag verändert hätte. Die Krankheit hatte sich still und leise in ihr Leben eingeschlichen. 1975 bekam Franziska Mayr Probleme beim Laufen, da war sie 42 Jahre alt. Sie stolperte beim Spazierengehen, zog plötzlich den Fuß nach. Vier lange Jahre erkannten die Ärzte nicht, was ihr fehlte. Dann ließ Franziska Mayr 1979 in Günzburg eine Rückenmarkspunktion machen. Die Diagnose lieferte ein junger Arzt: Multiple Sklerose.


Fast drei Jahrzehnte später fährt Franz Mayr mit der Bürgermeisterin im Auto den weiten Weg zum bayerischen Innenministerium nach München, um das Bundesverdienstkreuz entgegenzunehmen. Dafür, dass er seit 30 Jahren für seine Frau sorgt. Die Krankheit seiner Frau verlief nicht in den gefürchteten Schüben. Sie nistete sich nach und nach in ihrem Körper ein - mit Spastiken, Versteifungen. Zwei Jahre nach der Diagnose saß sie im Rollstuhl. Als es seiner Frau immer schlechter ging, ließ sich Franz Mayr frühpensionieren.


Mittlerweile sind beide Arme von Franziska Mayr komplett gelähmt. Dennoch will ihr Mann nicht mit dem Schicksal hadern: „Das muss man hinnehmen, nützt doch alles nichts", sagt er. Die Zeiten, in denen seine Frau oft weinte und völlig verzweifelt war, kann er aber nicht verdrängen. Seit 1953 ist er mit Franziska verheiratet. Die goldene Hochzeit vor drei Jahren haben sie nicht mehr feiern können. Franziska erträgt es nicht mehr, viele Menschen um sich zu haben.


Franz Mayr ist jetzt 75 Jahre alt und selbst ein kranker Mann. Sein rechter Arm ist wegen eines Geburtsfehlers steif, seine Lunge von Tuberkulose gezeichnet, die Knie kaputt, das Kreuz auch. Er hat seine Frau von Anfang an allein gepflegt, und das tut er auch heute noch. Was einmal wird, wenn er die schwere körperliche Arbeit nicht mehr bewältigen kann, daran will er nicht denken. „In einem Heim würde sie es seelisch nicht lange aushalten", sagt er.


Mayrs Tage beginnen um sieben Uhr morgens, jeder Tag gleicht wie ein Zwilling dem vorigen. So vergehen Wochen, Monate und Jahre. Er macht Frühstück, weckt seine Frau, wäscht sie. Das Schwierigste für den 75-Jährigen ist, sie vom Bett in den Rollstuhl zu bekommen. Das ist einer der Momente, in denen Franz Mayr manchmal verzweifelt - etwa wenn seine Frau hängen bleibt oder hinfällt. Er macht mit ihr Gymnastik, damit sie keine Druckstellen bekommt. Cremt sie ein, putzt ihr die Zähne, kämmt ihr die Haare, kleidet sie an, hält ihr den Spiegel hin. Er schiebt sie in die Küche, richtet die Medikamente her, hält ihr in kleine Portionen geschnittenes Honigbrot an die Lippen. Seine Frau liest die Zeitung, er blättert die Seiten für sie um.


Zum Mittagessen gibt es Krustenbraten, Hähnchenkeule, Leberspätzle. Am Sonntag backt Franz Mayr einen Kuchen. Nach dem Mittagessen bringt er seine Frau wieder ins Bett, das viele Sitzen schmerzt sie. Franziska liegt auf einer speziellen Luftmatratze, deren keuchendes Geräusch in den Raum dringt. Zwischendurch geht er ins Schlafzimmer, gibt seiner Frau zu trinken, tupft ihr die Stirn, öffnet das Fenster, um die stickige Luft zu vertreiben. Im Fernsehen sehen sie gerne Quizsendungen.


Jeden Tag kommt eine Krankenschwester, die eine Thrombosespritze gibt. Seit kurzem hat Franziska Mayr einen Blasenkatheter, die offene Wunde am Oberschenkel wollte wegen der Feuchtigkeit nicht heilen. Gegen sechs Uhr gibt Mayr seiner Frau Beruhigungs- und Schlafmittel. Sie klagt längst nicht mehr über ihr Schicksal, mit einem gesunden Geist in einem völlig unbeweglichen Körper gefangen zu sein. Über ihren körperlichen Verfall spricht sie sachlich. Ihre Ärzte machen ihr oft Komplimente, weil sie so gut gepflegt sei, sagt sie. Mit Einführung der Pflegeversicherung 1995 hat Franziska Mayr die höchste Pflegestufe bekommen. Wenn es die Pflegestufe vier gäbe, dann würde sie die auch bekommen, hat der Arzt bei der Einstufung gesagt. 665 Euro Pflegegeld zahlt der Staat monatlich. Ein Sohn von Franz und Franziska Mayr wohnt im Haus gegenüber, der andere in der Wohnung über ihnen, vier erwachsene Enkelkinder auch. Aber Franz Mayr will nicht, dass sie ihm bei der Pflege helfen. Die Schwiegertochter macht die Wäsche, das reicht.


Was man nie hatte, das kann man nicht vermissen. Vielleicht ist das ein Vorteil von Franz Mayr. Er gehört einer Generation an, die den Krieg miterlebt hat. Verzicht und Entbehrungen nimmt er als gottgegeben an. Mayr hat Deutschland noch nie verlassen, hat noch nie auf einer Urlaubsreise das Meer gesehen. Er sagt er, es gibt nichts, was er vermisst, wenn er seine Frau pflegt. Franz Mayr hat genaue Vorstellungen von Verantwortung und Pflichten. Niemals würde er seine Frau in ein Pflegeheim geben. „Wie einen Hund, den man nicht mehr will und ins Tierheim abschiebt", sagt er. Doch er möchte auch nicht über andere urteilen. Bestimmt, sagt , gibt es Menschen, die mit einer so schweren Aufgabe überfordert sind.


Menschen, die einen Angehörigen pflegen, haben oft mit Depressionen zu kämpfen, mit Schuldgefühlen und unterdrückten Bedürfnissen. Franz Mayrs Vorteil ist, dass ihm keine Bedürfnisse einfallen, die er unterdrücken müsste. Natürlich vermisst er es, draußen in der Natur, im Wald zu sein - so wie früher. Vor Jahren noch hat er seine Frau im Rollstuhl spazieren gefahren. Aber auch das geht nicht mehr, das Holpern auf der Straße bereitet ihr Schmerzen. Neulich musste er selbst zur Kernspintomografie ins Krankenhaus fahren. „Draußen, das ist eine fremde Welt für mich". Fast gleicht er einem von einer einsamen Insel geborgenen Schiffsbrüchigen, der mit der veränderten Gesellschaft nichts mehr anzufangen weiß. Er bekommt zwar Einladungen, zum Beispiel von der Feuerwehr, bei der er seit über 50 Jahren Mitglied ist. Aber er geht nie hin, er wüsste nicht, was er dort soll.


Auf das Bundesverdienstkreuz ist er stolz. Fast hätte es mit der Auszeichnung in München nicht geklappt. Die Bürgermeisterin hat sich in der Zeit geirrt, und als der Staatssekretär Mayrs Namen aufruft, da rührt sich nichts. Als sie dann schließlich ankommen, da haben die anderen Geehrten schon Sekt getrunken. Der Staatssekretär hält dann doch noch die Laudatio auf Franz Mayr. Darin benutzt er ein Zitat von Theodor Heuss: „Der Staat muss auch danken können." Die Laudatio klingt ein bisschen zu routiniert. In der Schachtel mit dem Orden befindet sich auch ein Zettel mit Empfehlungen, zu welchen öffentlichen Anlässen welches Abzeichen getragen werden sollte. Franz Mayr wird diesen Zettel nicht brauchen.