Aufstand der Nimbys

zitty, Oktober 2009

 

In Bezirken, die Investoren so gerne als „Szenebezirke" bewerben, häufen sich Beschwerden wegen Lärmbelästigung, Nachtlebenlegenden wie das SO 36 und der Knaack Klub stehen wegen Anwohnerklagen vor dem Aus. Zufall? Oder sind das die Auswüchse des Machtgewinns einer zugezogenen, gebildeten Mittelschicht, die ihre Rechte kennt - und diese ohne Kompromisse durchsetzen will?


Die Geschichte mit der Mauer ist vielleicht einfach blöd gelaufen. Oder aber es ist eine Geschichte, die davon erzählt, wie sich der Wind dreht in der Stadt. Es kommt ganz darauf an, wen man fragt. Die Verantwortlichen des SO 36 wollen am liebsten gar nicht mehr antworten. Seit Wochen werden sie mit Solidaritätsbekundungen überschüttet. Die Toten Hosen haben ein Benefizkonzert gegeben, und Rod von den Ärzten hat per Videobotschaft angedroht, der Hausverwaltung die Rod-Army vorbeizuschicken. Das SO 36, das wie keine andere Institution in Kreuzberg dafür steht, was man an diesem Stadtteil lieben und verachten kann, hat Probleme. Ein Mieter hatte sich über Lärm beschwert und ließ sich nicht besänftigen, das Ordnungsamt verlangte eine Schallschutzmauer, und während das Geld dafür gesammelt wurde, und die Stadt in Aussicht stellte, etwas zuzuschießen, entbrannte ein Streit mit der Hausverwaltung, ob die Mauer gebaut werden dürfe oder nicht, weil sie der Kita im Hinterhof Platz wegnehmen würde. Im September schließlich kündigte die Hausverwaltung dem SO 36, weil die Miete nicht pünktlich gezahlt wurde. Ende September lud der Bezirksbürgermeister die Leute vom SO 36 und die Hausverwaltung zum Vermittlungsgespräch. Henning vom SO 36 sagt, man wolle versuchen, in Zukunft die Miete pünktlich zu zahlen, in der Sommersaison sei das aber schwierig. Und dass das Gespräch mit der Hausverwaltung und dem Bezirksbürgermeister „konstruktiv" verlaufen sei. „Konstruktiv" heißt ein Gespräch meistens dann, wenn es noch einiges zu klären gibt.


Simone Stober von der Hausverwaltung Retus sagt gar nichts mehr, kein Kommentar. Sie ist zu einer Art Feindbild geworden für jene, die fürchten, die Oranienstraße könne zum nächsten Touristen- und Schwabenstrich verkommen. Die Hausverwaltung des SO 36 kümmert sich um sieben Häuser in der Oranienstraße, einige sind schon saniert, die Mieten erhöht, Simone Stober will die Oranienstraße ein bisschen harmonischer haben, war zuletzt zu lesen. In den Ohren von Menschen, die dem SO36 nahe stehen, muss das klingen wie eine Folterandrohung.


Ein paar Kilometer weiter östlich sitzt Matthias Harnoß am Rand der Tanzfläche auf einem roten Ledermöbel. Leere Tanzflächen bei Tageslicht, an einem Montagnachmittag, gehören wahrscheinlich zu den traurigsten Orten überhaupt, ein bisschen passt das zur Stimmung von Matthias Harnoß. Er ist Geschäftsführer des Knaack Klub. Seit 57 Jahren gibt es den Club im ehemaligen „Jugendheim Ernst Knaack" in der Greifswalder Straße, er hat die DDR überlebt, ist seit Jahrzehnten die erste Bühne für junge Bands, und jetzt ist vielleicht bald Schluss. In der Heinrich-Roller-Straße wurde ein Altbau saniert, und im Hinterhof entstand ein neues Apartmentgebäude. Und zwar direkt an der Hinterwand des Knaack Klubs. Im November 2008 beschwerten sich zum ersten Mal die neuen Anwohner über das unerträgliche Basswummern. Und bevor jetzt schon wieder die Frage kommt, die Matthias Harnoß mittlerweile richtig auf die Nerven geht: Ja, es habe tatsächlich passieren können, dass direkt Wand an Wand ein neuen Haus gebaut wurde und man nichts davon mitbekam, die Hinterwand des Knaack habe keine Fenster, und man sei von niemandem informiert worden.


In Berlin gilt seit Anfang 2006 eine neue Bauordnung. Anträge werden in einem vereinfachten Genehmigungsverfahren durchgewunken. Meldet der Bezirk innerhalb von vier Wochen keinen Widerspruch an, ist das Vorhaben automatisch genehmigt. „Hätten wir etwas davon gewusst, hätten wir uns einschalten können, auf Schallschutzmaßnahmen drängen können. Es hätte vielleicht schon gereicht, das Haus einfach einen halben Meter weiter weg zu bauen", sagt Matthias Harnoß.
Jens-Holger Kirchner ist Stadtrat des Bezirks Pankow und Leiter der Abteilung Öffentliche Ordnung. Er ist vorsichtig, er weiß ja nicht, ob der Fall Gerichte beschäftigen wird, aber: „Meine persönliche Einschätzung ist, dass da schlicht jemand gepennt hat, Eurozeichen in den Augen hatte und ohne nach links und rechts zu gucken sein Vorhaben umgesetzt hat."
Jedenfalls wurden Fakten geschaffen. Denn der Schutz der Anwohner hat oberste Priorität, das Umweltamt ordnete Schallmessungen an, die Anlage des Klubs wurde eingependelt, Konzerte dürfen nur noch bis 23 Uhr stattfinden. Die Betreiber haben zwei Tanzflächen komplett geschlossen hat, alle Konzerte abgesagt, weil man Veranstaltern und Bands nicht garantieren konnte, dass nicht die Polizei die Band von der Bühne holt und die Anlage einkassiert. Der Umsatz ist um 50 Prozent eingebrochen. „Die Lautstärke, die wir spielen dürften, damit drüben die korrekten Werte ankommen, entspricht in etwa Zimmerlautstärke. Dann könnten wir gleich dichtmachen", sagt Matthias Harnoß. Mittlerweile laufen die Partys auf den verbliebenen zwei Tanzflächen wieder in partytauglicher Lautstärke. Erstmal.


Es gibt ähnliche Geschichten in der ganzen Stadt. An der Admiralsbrücke in Kreuzberg hat sich eine Anwohnerinitiative gegründet, weil bis in die Morgenstunden getrunken, in den Kanal uriniert und Gitarre gespielt wird. Besucher von Freiluftveranstaltungen vor der Volksbühne mussten ab 22 Uhr Kopfhörer aufsetzen. Und vor einigen Wochen wurden Baupläne der ehemaligen Bahn-Tochter Vivico bekannt, der das Gelände am Rand des Parks gehört. Sie will an der Westseite des Mauerparks einen Wohnriegel errichten. Der Mauerpark ist wahrscheinlich zurzeit der Ort in Berlin, an dem extrem kondensiert das passiert, was die Billigflieger nach Schönefeld mit Touristen füllt. Wer an einem Sonntagnachmittag durch den Mauerpark läuft, und erstaunt registriert, dass selbst der unbeholfene Typ mit dem strähnigen Pilzkopf, der „Losing my religion" von R.E.M ins Mikrofon leiert, solche Jubelstürme von den Rängen des vollbesetzten Amphitheaters erzeugt, der kann sich denken, dass die Karaokeveranstaltung, die Trommler, die Bands und der Flohmarkt zusammengenommen einen Pegel schaffen, der für Wohnriegelbewohner nicht akzeptabel wäre.


Wer es sich jetzt einfach machen will, der kann sich empören über das Spießertum der Lärmempfindlichen und ihnen empfehlen, gefälligst wieder in ihre öde Kleinstadt zurückzuziehen. Oder man fragt Menschen wie Matthias Bernt. Er ist Stadtforscher und beobachtet seit den Neunziger Jahren, was Stadterneuerung und Bevölkerungsstruktur miteinander zu tun haben. „Natürlich steckt ein ökonomisches Interesse dahinter, wenn Investoren und Hausverwaltungen nicht darauf brennen, Institutionen wie das SO 36 oder den Knaack Klub in direkter Nähe zu haben. Für Investoren lohnt sich ein teures Projekt nur, wenn eine kaufkräftige Klientel Interesse daran hat, in diese Gegend zu ziehen", sagt er. In Sachen Wertsteigerung ist es natürlich eher ungünstig, wenn die Gläser auf dem Tisch tanzen.


Gentrifizierung, ein Begriff, der sich vom stadtsoziologischen Fachbegriff zum Kampfbegriff entwickelt hat, bedeutet, dass eine ganz bestimmte Klientel in die so genannten „Szenebezirke" zieht. Eine gebildete Mittelschicht, die einen urbanen Lebensstil pflegen will, allerdings nach eigenen Regeln. „Ich finde es schon seltsam, was für eine paradoxe Vorstellung von Urbanität diese Leute manchmal haben. Sie wollen ein Leben wie in der Werbebroschüre, die ´faszinierende Gegensätze´ und ´Punker trifft Banker´ verspricht. Diese Szenerie wollen sie als Tapete benutzen, die nicht stört. Eine merkwürdige Einstellung", sagt Matthias Bernt. Konflikte um das Thema Lärm, sagt er, gebe es schon länger, er verweist auf den „Kneipenkrieg" am Kollwitzplatz Mitte der Neunziger Jahre, und den Streit zwischen Bewohnern und Wirten in der Simon-Dach-Straße einige Jahre später. Aber damals wehrten sich Leute, die schon länger in der Gegend wohnten, gegen Veränderungen. In Fällen wie dem SO 36 und dem Knaack geht es nicht um Ruhe für Alteingesessene, sondern um Werterhalt und Wertsteigerung. Das hat im Fall des Knaack zu einer Kette geführt: Der Investor hat das Problem an die Käufer weitergegeben, und diese an den Knaack. Das tun sie, weil sie dazu in der Lage sind. „Das sind Leute, unter ihnen Rechtsanwälte, Lehrer, Akademiker eben, die ihre Rechte kennen und die wissen, wie man sich verteidigt. Und die das soziale, kulturelle und ökonomische Kapital haben, sich in solchen Konflikten auch durchzusetzen", sagt Matthias Bernt. „Der gleiche Lärm am Soldiner Kiez im Wedding würde niemanden auf die Barrikaden rufen."


Soziologen haben einen Begriff für dieses Phänomen erfunden: „Nimbys" nennen sie diese Menschen aus gebildeten, bürgerlichen Schichten, die pulsierende Kieze super finden, Lärm auch, aber eben „Not In My Backyard", nicht in meinem Hinterhof. Matthias Bernt sagt, ihn ärgere es, wenn das als eine unvermeidliche Entwicklung hingestellt werde. „Es handelt sich um ein soziales Phänomen, nicht um eine Gesetzmäßigkeit oder einen natürlichen Prozess." Er sagt, es gebe politische Stellschrauben, um solche Verdrängungsmechanismen zu steuern - auf Bezirksebene und auf höheren Ebenen. Mietobergrenzen zum Beispiel. „Und viele Bezirkspolitiker denken, sie müssten Investoren den roten Teppich ausrollen, hoffen auf viele Jobs und hohe Gewerbesteuereinnahmen. Dabei lautet die goldene Regel: Die positiven Effekte werden meistens überschätzt."


Die Konflikte entwickeln sich aber nicht nur in die eine Richtung. Es gründen sich nicht nur Initiativen für mehr Grundschulen und saubere Spielplätze, sondern auch solche, die öffentliche Räume gegen Investoren verteidigen wollen. Die Auseinandersetzungen gewinnen an Aggressivität, Bauherren luxuriöser Wohnprojekte müssen mit Farbbeutel- und Brandsatzattacken rechnen.


Jens-Holger Kirchner, der Stadtrat von Pankow, klingt ein bisschen verzweifelt, wenn er sagt: „Die Sache mit dem Knaack, das ist so ein klassisches Beispiel hier in Prenzlauer Berg für die Radikalisierung der Partikularinteressen. Es wird schneller und mehr prozessiert. Jeder versucht, seinen idealen Lebensplan umzusetzen, auf Teufel komm raus. Das ist der Tod jeder Stadt". Und er sagt auch: „Wenn ich mir für 350.000 Euro eine Wohnung kaufe, dann stelle ich womöglich solche Riesenansprüche an mich selbst und die neue Umgebung, an das Lebensgefühl, dass die Gelassenheit mir selbst und anderen gegenüber verloren geht." Matthias Harnoß, der seit 1995 für den Knaack Klub arbeitet, sagt, dass früher die Nachbarn selbst sauer auf der Matte standen und sich beschwerten, dann konnte man miteinander reden. Heute werde sofort die Polizei gerufen.


Goethe, natürlich, hat mal was Passendes zum Thema geschrieben, nämlich in den „Wanderjahren": Wer sich den Gesetzen nicht fügen lernt, muss die Gegend verlassen, wo sie gelten. Matthias Harnoß hat sich Anfang Oktober nochmal mit dem Stadtrat Kirchner getroffen, um über die Zukunft zu sprechen. Kirchner will den Knaack Klub unbedingt erhalten. In dem Gespräch ging es aber nicht mehr darum, wie man sich mit den Anwohnern vielleicht doch noch einigen könnte. Sondern darum, an welche Orte in Prenzlauer Berg der Knaack Klub umziehen könnte.