Wenn die Liebe baden geht

erschienen im Tagesspiegel am Sonntag, 25.07.2010

 

Von wegen: schöne Ferien! Denn jede dritte Scheidung ist nach dem Sommerurlaub fällig. Warum das gemeinsame Verreisen für viele Paare zum großen Problem werden kann

 

Das Problem auf dem Foto ist genau genommen nicht Helge, sondern die Schildkröte. Das Foto zeigt Helge* im Pazifischen Ozean. Auf dem Kopf trägt er ein ramboartiges Bandana. Eine Hand reckt er zum Victory-Zeichen in den makellosen mexikanischen Himmel. Mit der anderen hält er mühsam eine verstört strampelnde Riesenschildkröte im Schwitzkasten. Das Foto hat, seinem keuchend hervorgestoßenen Befehl („Mach schnell!“) folgend, Anne* aufgenommen - damals noch seine Freundin.

Wer verstehen will, was die entsetzte Schildkröte mit der Trennung von Helge und Anne zu tun hat, der muss natürlich mehr sehen als dieses Foto. Der muss Helge sehen, vier Wochen lang im Mexikourlaub und durch Annes Augen. Anne erklärt, was sie auf dem Foto sieht: Einen Mann, gegen den sie innerhalb von vier Wochen immer stärkere Aggressionen entwickelte. Sie sieht in der Gestalt Helges: dessen nicht existentes Feingefühl; seine komplette Ignoranz von Regeln; seinen völlig übersteigerten Ehrgeiz; seine nach Beifall heischende Gier nach Anerkennung.

Helge, Ende Dreißig, und Anne, Anfang Dreißig, waren mit einem Boot, gefüllt mit einer Gruppe von Touristen, aufs offene Meer gefahren, um mit Schildkröten zu tauchen. Das funktionierte so, dass der drahtige Bootsführer die fast tauben und blinden Schildkröten, die ihre Köpfe naiv aus dem Wasser reckten, packte und festhielt. Der jeweilige Tourist wiederum hielt sich beherzt an einer Stelle zwischen Panzer und Kopf fest, um gemeinsam mit der aus dem Klammergriff des Führers befreiten Schildkröte hinunter ins Meer zu tauchen.

Helge allerdings musste die Schildkröte unter Wasser in eine Rangelei verwickelt haben. Anne erinnert sich mit Schaudern an Helges Triumphgeheul, das er ausstieß, nachdem er aus schäumender Gischt samt Schildkrötentrophäe an die Wasseroberfläche geschossen war. Und mit Schadenfreude an den wutschäumenden und brüllenden Bootsführer, dem Helges Attacke offenbar eine Spur zu artungerecht schien.

Natürlich, sagt Anne heute, sei die Sache mit der Schildkröte isoliert betrachtet noch keine Katastrophe. Der Urlaub allerdings geriet zu einer Abfolge von Situationen, in denen sie Helges Verhalten beschämend und unerträglich fand – und welche die Erkenntnis reifen ließen, dass es für sie mit diesem Mann keine gemeinsame Zukunft geben würde.

Heute sitzt Anne in einer sehr aufgeräumten Berliner Altbauwohnung in Schöneberg. Das Schildkrötenfoto hat sie aus einer ebenso aufgeräumten Kiste geholt, die mit „Urlaubsbilder 2004 – 2008“ etikettiert ist. Auf den Mexikofotos hat Anne, ein Lichtschutzfaktor 50-Typ, ihren zierlichen Körper stets in helle, weite Gewänder gewickelt, die Haare zum Pferdeschwanz gebunden, und blinzelt ein bisschen gestresst und blass gegen die Sonne. Helge, schlaksig, ist öfters mit bloßem Oberkörper zu sehen, von der Sonne rot wie ein Hummer, unrasiert, mit Trekkingsandalen und von Sonne und Wind geblichenem Haar. Nach knapp zwei Jahren Beziehung war Mexiko für beide der erste richtig lange gemeinsame Urlaub gewesen. Und der letzte.

Gestressten und nach Urlaub lechzenden Paarhälften wird zu Beginn der Sommersaison in einschlägigen Frauenzeitschriften gern geraten, nicht mit zu hohen Erwartungen an den Urlaub loszufahren, dem Partner Freiräume zu lassen und sich in Frustrationstoleranz zu üben, sollte sich das Buffet als Matsch und die Tischnachbarn als Idioten entpuppen. In solchen Fällen ist allerdings davon auszugehen, dass man aus dem Urlaub zwar nicht glücklicher heimkehrt als man davor gewesen ist – aber auch nicht gleich als Single. Bei einer Umfrage des Instituts für Empirische Sozialforschung der Universität Bremen gaben ein Viertel der Befragten an, dass ihnen Streit mit dem Partner den Urlaub verdorben habe. Das Fachorgan „Psychotherapie“ zitiert eine Umfrage des Instituts für Psychologie in Rom, für die mehr als 400 Urlaubs-Ehekrisen analysiert wurden. Demnach ist jedes dritte italienische Paar vom "Ehepartner-Stress" betroffen. Befallen würden etwa eine Woche nach Ferienbeginn hauptsächlich die Ehemänner, die nicht damit klarkommen, typisch weibliche Beschäftigungen wie Kinderhüten und Einkaufen erledigen zu müssen. Als Hauptrisikogruppen werden Männer zwischen 30 und 40 Jahren identifiziert. Die Folgen seien Kopfweh, Muskelschmerzen, Ausschlag und Appetitlosigkeit. Und der britische Psychologe Trevor Jellis warnt vor allem vor dem dritten Urlaubstag, an dem gehäuft seelische und körperliche Krisen aufträten. Ein Zwischentief drohe zudem an den Tagen sieben bis zehn.

Damit ein gemeinsamer Urlaub aber tatsächlich zum Trennungsgrund gerät, muss schon vorher einiges im Argen liegen. Laut einer Studie des Abaris-Instituts für Psychotherapie wird angeblich jede dritte Scheidung in Deutschland nach den Sommerferien eingereicht. Der Psychologe und Paartherapeut Reinhold Schmitz-Schretzmair beschäftigt sich für die Gesellschaft für wissenschaftliche Gesprächspsychotherapie mit dem Einfluss von Urlaub auf Paarbeziehungen. Er berichtet von zwei Zeitpunkten, zu denen bei ihm die Nachfrage erheblich steigt: Nach Weihnachten natürlich. Und nach dem Sommerurlaub.

Der gemeinsame Urlaub kann den Verlauf einer Beziehung gravierend prägen - in unterschiedliche Richtungen. „Bei Paaren, die im Alltag derart gefangen und gestresst sind, dass aus Nähe Genervtheit geworden ist, kann ein Urlaub mit gutem Essen, schönem Ambiente und viel Zeit für guten Sex durchaus erfrischend wirken“, sagt Schmitz-Schretzmair. Und auch Paare, die sich noch nicht so gut kennen, könnten in einem gemeinsamen Urlaub, in dem sie zum ersten Mal vollkommen aufeinander bezogen sind, zusammengeschweißt werden.

Eben jener totale Bezug aufeinander ließ in Anne jedoch den Widerwillen gegen Helge wachsen. Natürlich, sagt sie heute, habe sie schon vorher geahnt und in Ansätzen erlebt, welche von Helges Charaktereigenschaften problematisch werden könnten. Dass er sehr sparsam war, und oft eine Spur zu aufdringlich die Rampensau gab. „Urlaub funktioniert wie ein Katalysator, er verstärkt durch die große Nähe und Intimität Tendenzen, die es vorher schon gab“, sagt der Paartherapeut Schmitz-Schretzmair. So könnten neue, unangenehme Bilder des Partners entstehen, die sich nicht wieder löschen ließen.

Bei den Paaren, die sich an ihn wenden, sind meist nicht neue Bilder das Problem, sondern jahre- oder jahrzehntelange gemeinsame Routine, die im Urlaub aufgebrochen wurde.

Jeder Ferienort, egal auf welchem Kontinent, ist stets auch eine Bühne für die Urlaubsszene schlechthin: Das schweigende Urlaubspaar. Es ist eine traurige und beklemmende Szene, vielleicht, weil sie jeder kennt und fürchtet: Wie das Paar da sitzt, schweigend im Restaurant, sie mit einem Glas Weißwein, er mit einem Bier, oder eine groteske Trennwand aus riesigen, giftfarbenen Cocktails mit glitzernden Plastikflamingos, die sich in krassem Widerspruch zur Stimmung am Tisch befinden. Und egal wie lange man rüberstarrt, wahnsinnig erleichtert, dass am eigenen Tisch über den Sinn von Volksentscheiden oder das neue Werk von Richard Price gesprochen wird: drüben kein Wort.

Reinhold Schmitz-Schretzmair sagt, es komme auf die Art des Schweigens an. Ist es ein voneinander abgekehrtes Schweigen, oder ein Schweigen in liebevollem Einverständnis? Dem heimlichen Beobachter kommt das Schweigen immer öde vor. Die Zeit der inspirierten Diskurse, so scheint es, ist unwiederbringlich vorbei. „Eine lau gewordene Beziehung wird vielen Paaren im Urlaub schmerzlich bewusst, weil das die einzige Zeit ist, in der sie komplett aufeinander bezogen sind“, sagt Schmitz-Schretzmair. Deutsche Paare sprechen laut Studie durchschnittlich acht Minuten täglich miteinander, andere Studien bringen es auf neun oder zehn. In jedem Fall eine Katastrophe aus Paartherapeutensicht. „Es passiert oft, dass knackige Bikinimädchen am Strand, makellose Körper, die Sehnsüchte nach lange Vergangenem verdichten“, sagt der. „Die eigene Alltagserotik ist ein wertvolles Kapital, ein Paar sollte sich fragen, ob es dieses Kapital nutzt. Wenn im oder nach dem Urlaub endlich wieder über Bedürfnisse geredet wird, ist das eine Chance, auch im Alltag wieder intensiver auf den anderen einzugehen.“

Bei langen Beziehungen zeigt der Urlaub, was nicht mehr da ist; bei nicht so langen, was man eigentlich gar nicht sehen möchte. Anne hatte schon geahnt, dass Sensibilität und Fingerspitzengefühl nicht Helges größte Stärken sein könnten. Sie hatte davon abgesehen, seine Sparsamkeit als Geiz auszulegen. An der Pazifikküste, in einer winzigen Strandbar in Mazunte, begann Helge, um umgerechnet 20 Cent zu feilschen, obwohl der Barbesitzer nachvollziehbar belegen konnte, dass die akute Guacamolepreiserhöhung durch die Tatsache, dass er die Avocados aus Ermangelung eines eigenen Vorrats erst mühsam hatte auftreiben müssen, durchaus gerechtfertigt war; Helge bestand darauf, stets mit dem billigen Nachtbus zu reisen, wovor im Reiseführer wegen akuter Überfallgefahr ausdrücklich gewarnt wurde. Während sich Helge also vergnügt in der Holzklasse räkelte, fürchtete Anne bei jedem Halt eine Kalaschnikow im Gesicht. In einer Herberge entfachte Helge einen Streit um die Frage, ob die unsauber geführte Strichliste, mit der die Anzahl aus dem Kühlschrank entnommenen Getränkedosen dokumentiert wurde, aus fünf oder sechs Strichen bestand; In Puerto Escondido zwang Helge einen einbeinigen Jungen von etwa acht Jahren, der ihnen ihr Zimmer zeigte, das fleckige Laken durch ein sauberes zu ersetzen. Dabei, sagt Anne, habe man froh sein können, dass die verschlagähnliche Kammer überhaupt ein Bett aufwies. Helge gerierte sich in Annes Augen wie ein geiziger, unsensibler Pascha. Natürlich gab es auch schöne Momente, wenn sie auf der Dachterrasse ihres Hotels saßen und sich mit Mezcal betranken. Die vielen unschönen konnten sie nicht aufwiegen. „Man muss herausfinden, ob so ein Verhalten der Situation geschuldet oder so tief im Charakter verwurzelt ist, dass man nicht mit diesem Menschen zusammen sein möchte“, sagt Reinhold Schmidt-Schretzmair. Ganz Paartherapeut sieht er immer die Chance, darüber zu reden. Wenn aber wie im Fall von Helge und Anne derart eklatante Aversionen auftauchen, sieht er kaum Chancen auf Erholung vom Urlaubstrauma. „Der Partner ist hinterher sensibilisiert, selbst Anflüge des Urlaubsverhaltens werden ihm sofort auffallen und ihn stören.“

Beim Trennungsgespräch von Helge und Anne, das einige Monate nach dem Urlaub stattfand, kam zu Annes Überraschung Helge auf das Thema Mexiko zu sprechen. Und auf ihre seiner Ansicht nach völlig übersteigerte Ängstlichkeit, ihre unentspannte Art, und ihre Eigenart, in heiteren Situationen ständig die miesepetrige Spielverderberin zu geben. Mexiko hatte nicht nur bei Anne Spuren hinterlassen.

 

* Namen geändert