Kommunizierende Röhren
Der Tagesspiegel, Sonntag, 17.07.2006
Paris zwängt sich in hautenge Hosen - selbst bei 30 Grad im Schatten. Und Berlin macht schon mit. Über die modische Todsünde dieses Sommers.
Der angenehmste Monat für einen Aufenthalt in Paris ist keinesfalls der Juli. Es ist eine verstopfte, laute, glühende Großstadt ohne Schatten, in der sich die stehende Luft mit den Abgasen hupender Autos auf den siebenspurigen Boulevards vermischt. Es ist der Monat des Sommerlochs, in dem Frauenmagazine einstimmig zu heller und weiter Kleidung raten - doch ganz Paris stellt sich taub.
Die Haute-Couture-Modeschauen sind gerade zu Ende gegangen und haben gezeigt, was im Herbst und Winter in die feinen Geschäfte kommt: die Röhrenhose. Eine Hose wie eine zweite Haut, die keine Luft hereinlässt und keinen Schweiß heraus. Viele Designer unterstützen in Paris den Trend zur engen Form. Bei Dior wackeln Männer in Röhrenhosen aus Leder über den Laufsteg, das Traditionshaus „Dormeuil" versucht, auch elegante Anzugsmode durch gerade und eng geschnittene Hosen dem Trend anzupassen, aufstrebende Nachwuchslabels wie Petar Petrov haben die Röhrenhose aus Jeans, Netz und mit Karomuster in ihre Kollektionen aufgenommen. Das Publikum ist begeistert. Weil das Publikum sie schon trägt und gnadenlos gut findet, die Röhrenform. Mitten im Hochsommer.
Ein blondes Model, das eben noch auf der vollkommen röhrenhosenfreien Haute-Couture-Show von Christian Lacroix eine Taft-Robe mit purpurfarbenen, goldverzierten Puffärmeln getragen hat, wischt sich die Schminke aus dem Gesicht und verlässt das Gebäude in hautenger, schwarz-ausgeblichener Jeans und Ballerinas. Auf ihre Hose angesprochen zu werden, findet sie lustig. „Das tragen doch fast alle. So neu ist das doch gar nicht." Sie hat Recht. Berührungsängste mit der engen Passform, die Kate Moss - sicheres Barometer dafür, was modisch wieder salonfähig ist - schon seit Monaten trägt, gibt es in Paris nicht mehr. Auch in Berlin quetschen sich bereits viele Frauen in das Beinkleid.
Doch die Männer fühlen sich bisher nur in Paris wohl in Röhrenhosen. Man sieht sie an den Haltestellen der Metro, junge Männer mit riesigen Sonnenbrillen und hautengen weißen Hosen. Es sind Hosen, so eng, dass sie alles zeigen und nichts verstecken. Hosen, bei denen man automatisch ein kurzes Gefühl des Schocks erlebt, wenn man sie sieht. Eine völlig normale Reaktion, gehören sie doch zu den Kleidungsstücken, zu denen man noch bis vor kurzer Zeit nicht einmal auf uralten Fotos einigermaßen selbstbewusst stehen konnte. Es sind Hosen, die heute entweder in Überlänge oder mit unten abschließendem Gummibündchen getragen werden. Und auch der Reißverschluss an der Seite des Knöchels, der das nicht unkomplizierte An- und Ausziehen der Schlauchhose schon in den 80er Jahren erleichterte, ist wieder da.
Die Röhrenhose hatte Anfang der 80er Jahre die Schlaghose, wenn man so will das Kontrastprogramm zur Röhrenhose, abgelöst. Anfangs noch in Konkurrenz mit der ebenfalls weit verbreiteten und bis heute nicht rehabilitierten Karottenform, die vom weiten Oberschenkelschnitt zu den Waden hin enger wurde, setzte sich die erste wirkliche Röhrenhose mit dem Modell „Levi's 639" durch. Das war die Etablierung der elastischen Stretchjeans, die so eng saßen, dass die Bezeichnung Röhre maßlos untertrieben scheint. Dann kamen die „Mustang Disco" oder das Modell „Body Profile" der Marke Levi's. Und „Body Profile" deutet das vielleicht größte Problem der Röhrenhose bereits vage an.
Wohin war eigentlich die Röhrenhose verschwunden, seitdem sie Anfang der 90er Jahre vom klassischen Boot-Cut und der Baggy-Pants, deren Zwickel etwa zehn Zentimeter über dem Boden endete, verdrängt wurde? Die Wahrheit ist: Sie war gar nicht gänzlich verschwunden, sie hat die ganze Zeit über existiert. Sie führte ein Schattendasein in der Garderobe von Punkrockern und Junkies. Rio Reiser trug Röhrenhosen und Campino von den Toten Hosen trägt sie seit Jahren. Was die Beziehung zwischen Drogensucht und Röhrenschnitt betrifft, so hat der Kolumnist Max Goldt einmal gemutmaßt, dass Junkies nur deswegen Drogen nähmen, weil sie ansonsten die durch das Tragen enger Hosen verursachten Schmerzen nicht ertragen könnten. Die Annahme scheint nicht so weit hergeholt zu sein, denn angesichts ihrer einschneidenden, freiheitsberaubenden Passform zählt die Bequemlichkeit nicht zu den Pluspunkten der Hose in Röhrenform. Zudem hält sich das unschöne Gerücht, das Tragen von Schlauchhosen verursache Impotenz.
Interessant ist die Frage, was für Vorteile die Röhrenhose überhaupt bietet. Immerhin schafft sie eine Erleichterung des Alltags für modebewusste Frauen, die, sobald die Tage wieder kühler werden, ihre Hosenbeine auch in diesem Jahr wieder in Stiefel stecken werden. Die Röhrenhose als gefundenes Fressen für diejenigen, die es leid sind, ausgestellte Boot-Cut-Jeans mittels Falttechnik in Lederstiefeln zu verstauen, um dann doch nach drei Schritten vor dem nächsten Spiegel festzustellen, dass die breiten Hosenbeine im Stiefel drücken und sich die Hose an den Oberschenkeln hochschoppt.
Dennoch ist die Liste der Minuspunkte erdrückend. Leider! Eklatantester Nachteil der Röhrenhose ist, dass es eigentlich kaum jemanden gibt, der eine Hose in Schlauchform wirklich tragen kann. Denn die Grundvoraussetzungen sind - zumindest bei Frauen - absolute Schlankheit, eine Mindestgröße von 170 Zentimetern und die Beine eines Fohlens.
Manche Frauen erkennen die ein oder andere Problemzone, die durch das Tragen von Schlauchhosen gnadenlos betont wird, wollen aber trotzdem im Trend liegen und greifen auf eine weitere Modesünde der 80er Jahre zurück: die Leggings, eine Strumpfhose ohne Füße. Vor 25 Jahren noch mittels eines Gummistegs unter dem Fuß befestigt und so am Rutschen gehindert, wartete auch sie geduldig auf ihr Comeback. Genauer gesagt wartete sie im begehbaren Kleiderschrank mancher Hausfrau, die keine Lust hatte, sich zwischen Bügelarbeit, Gymnastik-Homevideo und Supermarktbesuch umzuziehen.
Trendbewusste Frauen, die sich die ein oder andere körperliche Unzulänglichkeit eingestanden haben, kombinieren die Leggings todesmutig mit einem Minirock. Sie glauben, so auf unkomplizierte Weise an der Schlauchmode teilhaben zu können, ohne sich vollkommen zu offenbaren. Sie haben falsch gedacht, denn die schlimmste Problemzone der Leggingsträgerinnen ist nicht unbedingt ein breites Gesäß, sondern die massiven Fußgelenke. Da hilft auch kein Minirock, sondern bestenfalls ein kritischer Blick in den Spiegel.
Doch jeglicher selbstkritische Blick auf die eigene Figur ist in Paris bereits perdu, und man sieht auf den Straßen des Quartier Latin, in den Straßencafés des Marais, im Supermarkt und in der Bäckerei Männer ihre spindeldürren O-Beine zur Schau stellen und Frauen, die in zum Bersten gespannten Schläuchen füllige Waden transportieren. Die Schlauchjeans befördert den alten Irrglauben, ein Kleidungsstück, das in der eigenen Größe produziert wird, würde einen auch automatisch zum Tragen dieses Kleidungsstücks legitimieren. Sonst würde es ja schließlich nicht in der Größe hergestellt - oder?
Während sich in Deutschland bisher nur die modische Avantgarde vorsichtig an das bis vor kurzem noch verspottete Kleidungsstück herantastet, guckt in Paris niemand mehr schief. Egal, wer die Röhrenhose trägt. Und da ist ja immerhin noch das Model, das die Modenschau von Christian Lacroix in Schlauchjeans und Ballerinas verlässt und das mit ihren dünnen Beinen, dem XXL-T-Shirt und dem 80er-Jahre-Gürtel um die Taille irgendwie gut aussieht. Komisch, dass man sie vor einem Jahr in diesem Outfit wahnsinnig unmodern gefunden hätte.
Aus der Mode gekommene Kleidungsstücke und modische Accessoires lassen sich grob in zwei Gruppen aufteilen. Solche, die man zwar nicht mehr trägt, die man aber mit einem großzügigen „Na wer weiß, ob das nicht noch mal wiederkommt" in Kartons im Keller verstaut: Federohrringe, Plateauschuhe, Lederjacken. Und es gibt solche, für die man sich noch mehr schämte als für riesige gemusterte Blazer mit Schulterpolstern. Kleidungsstücke, bei denen man sich wünschte, sie niemals selbst getragen zu haben. Die Röhrenhose in all ihren Facetten gehörte zu letzterer Kategorie. Ein Kleidungsstück, von dem man sicher war, dass es nie wieder in Mode kommen würde. Nun ist sie wieder da. Ein modisches Tabu ist gefallen. Der Beweis dafür ist geliefert worden, dass alles, wirklich alles, was einmal modern war, in der Lage ist, zurückzukommen und mit einer Selbstverständlichkeit getragen zu werden, als wäre es nie fort gewesen.
In der Mode ist nun alles drin. Nächstes Jahr kommen die Radlerhosen zurück.
Goldschrift