Ausverkauf Ost

Der Tagesspiegel, Dritte Seite, 14.08.2008

 

Zwei DDR-Erfolgsgeschichten: MZ und Spee. Das Waschmittel schaffte es in den Westen, das Motorrad wurde zum Kultobjekt. Nun sollen ihre Stammwerke geschlossen werden. Und zwei Städte fürchten um ihre Identität.

 

Im Sekretariat der „Motorrad- und Zweirad GmbH" in Zschopau gibt es eine telefonische Warteschleife. Wer dort anruft, hört „Wind of Change" von den Scorpions. Ausgerechnet den Soundtrack des Mauerfalls. Ob das Absicht ist? Jedenfalls passt der Titel.

 

Denn die Firma steht vor dem Aus. Der „Motorrad- und Zweirad GmbH" ist der Wind des Wandels noch nie gut bekommen. In Zschopau glich er bisher immer eher einem Sturm. Und wenn der nun dazu führt, dass das Werk Ende 2008 wirklich schließt, wäre das wohl auch das Ende der MZ, des DDR-Motorrads schlechthin. Ein Riesenerfolg in der DDR, natürlich auch mangels Alternativen, fest verankert im Alltag. Und auch außerhalb der DDR bekannt: im Endurosport und auch in Westdeutschland, wo die „Emme" als „Neckermann-MZ" für fast 1000 D-Mark im Katalog zu haben war.

 

„Zschopau ist doch weltberühmt, wir haben doch die MZ", sagt André Hunger in seinem kargen, kleinen Einzelbüro im Zschopauer Werk. Hunger ist einer von den knapp 40 Mitarbeitern, die noch übrig sind. Ein ruhiger, freundlicher, breiter Mann mit Glatze. Orangefarbenes Kurzarmhemd, Kugelschreiber in der Brusttasche, Jeans, Turnschuhe. Es ist wohl nicht falsch, wenn man sagt, dass er frustriert ist.

 

Denn die MZ hat den Sprung in den Westen nie geschafft, auch nach der Wende nicht. Verließen Ende der 80er noch 300 Motorräder pro Tag das Werk, zählen die Behörden in diesem Jahr bis Mai gerade einmal 74 Neu-Zulassungen. Die MZ, die Honecker-Harley, wurde nach der Wende zum DDR-Kultobjekt - und blieb doch ein Ost-Produkt, auch als es den Osten schon gar nicht mehr gab. Und so hört man heute in Zschopau über die Wende nicht nur Gutes.

 

Für Genthin in Sachsen-Anhalt hingegen war die Wende zunächst ein Segen. Und wenn man fragt warum, möchte Wolfgang Bernicke, der Bürgermeister der 14 000-Einwohner-Stadt, eine Geschichte erzählen: Einmal hat er nämlich Jürgen Rüttgers getroffen, den Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen. „Und, wo kommen Sie her?", fragte Rüttgers ihn. „Genthin", antwortete er.

Dann beugt sich Wolfgang Bernicke in seinem Sessel nach vorn, so dass beide Arme in marineblauen Anzugsärmeln auf dem schweren Konferenztisch seines Büros liegen, macht eine rhetorische Pause, und freut sich auf die Pointe: Rüttgers habe gefragt „Genthin, muss ich das kennen?" Bernicke brauchte zur Erklärung nur ein einziges Wort. Er sagte „Spee". Das reichte.

 

Spee ist ein Genthiner Produkt. Hier wurde es erfunden und hier wird seine Flüssigversion bis heute hergestellt, ebenso wie alle anderen Flüssigwaschmittel der Firma Henkel, Persil zum Beispiel. Es ist eines der wenigen DDR-Produkte, das sich nach der Wende auch in den alten Bundesländern durchsetzen konnte. Heute ist Spee mit etwa 10 Prozent Marktanteil die Nummer drei unter den deutschen Universalwaschmitteln, nach Persil und Ariel. Ein Produkt, das es geschafft hat, das auch die Westler haben wollten. Ein Stück Ost-Stolz in einer Henkel-Flasche.

 

Doch nun droht der Stadt ein ähnliches Schicksal wie Zschopau. Ende 2009 will der Düsseldorfer Henkel-Konzern die Produktion in Genthin einstellen und damit eine Geschichte beenden. Eine Geschichte, die erklärt, warum die Persil-Uhr auf dem Genthiner Marktplatz schwarz verhängt worden ist und warum auch Bürgermeister Bernicke inzwischen zu den Frustrierten gehört.

Die Geschichte begann 1921. Aus Angst vor einer möglichen Besetzung des Ruhrgebiets nahm Henkel in Genthin ein zweites Persil-Werk in Betrieb, die damals modernste Waschmittelproduktion Deutschlands. Das Genthiner Werk wurde 1949 zu einem Volkseigenen Betrieb der DDR, 1990 schließlich kaufte Henkel es zurück. Konrad Henkel, Enkel des Firmengründers Fritz und ehemaliger Konzernchef, hatte sich für die Wiederaufnahme des Traditionsstandorts eingesetzt, er selbst hatte in Genthin gelernt.

Es hat viele Entlassungen bei Henkel-Genthin gegeben. Zu DDR-Zeiten arbeiteten hier etwa 1700 Menschen im Betrieb, nach der Wende blieben noch 500. Letztes Jahr dann verlagerte Henkel die Produktion von Pulverwaschmittel von Genthin nach Düsseldorf, so dass heute noch 240 Arbeiter übrig sind. Trotzdem fühlte man sich sicher. Schließlich investierte Henkel in den vergangenen Jahren mehr als 120 Millionen Euro in den Standort. Im Rathaus liegen im Moment drei Bauanträge, die Henkel alle in diesem Jahr eingereicht hat.

 

Wolfgang Bernicke ist ein Mann mit buschigem Schnauzbart und Halbglatze. Einer, der gern ein Feierabendbier an der Kegelbahn trinkt und in dessen dunkelgrünem Nissan Primera ein Paar Gartenhandschuhe liegen und ein Lederblouson. Wenn bei „Antenne Brandenburg" zwischen zwei Oldies Peter Maffay gespielt wird, dreht Bernicke das Radio ein bisschen lauter und klopft mit den Fingern im Takt aufs Lenkrad, so als brauche er ein bisschen Ablenkung von dem Kampf.

 

Es ist ein Kampf, in dem ungleiche Gegner antreten: Auf der einen Seite steht eine „Meckerecke" auf dem Genthiner Marktplatz und das „Spee-Mobil", das als Solidaritätsbekundung durch das Land fährt. Auf der anderen Seite stehen der Konzern und die Zahlen. „Aber die berühmte Hoffnung stirbt ja zuletzt" sagt Bernicke und klingt dabei wie einer, der meint, dass die Hoffnung zwar zuletzt stirbt, aber am Ende halt doch tot ist.

 

Im Rathaus kam das Fax vom 7. Juli gegen Mittag an. Ein Henkel-Vorstandsmitglied bittet um ein Treffen mit Bernicke und dem Landrat. Bernicke denkt: „Ach du Scheiße." Um 13:45 Uhr ist im Werk Schichtwechsel. Belegschaftsversammlung, alle sind da. Die Werksleitung sagt, Ende 2009 ist Schluss mit Henkel in Genthin. Die gesamte Flüssigwaschmittelproduktion wird an den Stammsitz in Düsseldorf verlagert. Es fallen Begriffe wie „Entwicklung der Transportkosten" und „Wettbewerbsfähigkeit". Düsseldorf liege nun mal viel zentraler für den Absatzmarkt von Henkel-Produkten. Man könne nicht anders. „Tut uns leid."

 

Nicht unwahrscheinlich, dass es auf dem Gelände des Spee-Werks bald so aussieht wie heute schon in Zschopau. Der Empfang am Werkseingang ist nicht mehr besetzt, die Schranke steht offen. Auf dem weißen Flachdach am Eingang erinnert eine silberne MZ daran, was für ein Werk hier überhaupt ist: Die 1000 S, die Prestige-Maschine von MZ, ein massives, sportliches Motorrad, 117 PS, böse guckende Scheinwerfer. Es ist das einzige Motorrad, das man auf dem Gelände noch sieht. In einer dunklen, stillen Lagerhalle stehen Kartons mit MZ-Logo, Regale, Gabelstapler. Es ist still.

 

1996 kaufte der malaysische Konzern „Hong Leong" die MZ-Werke. Anfang Juni verkündete die Konzernspitze, das MZ-Werk nun schließen zu wollen, seither wird kein Material mehr bestellt. Im Juli kam Sachsens Wirtschaftsminister Thomas Jurk persönlich nach Zschopau, inzwischen hat er das Thema zur Chefsache erklärt. Es geht zwar nur um knapp 40 Arbeitsplätze, aber das ist in diesem Fall egal, weil es nun mal um die MZ geht. Und um die Stadt mit ihren 11 000 Einwohnern. Zschopau ist eine von jenen Städten, für die man den Begriff „schrumpfende Stadt" erfunden hat, die in der Zeit zwischen 1990 und 2006 mehr als 20 Prozent ihrer Einwohner verloren. Trotzdem hielt sich Zschopau nie für eine dieser maroden, ostdeutschen Nachwende-Kleinstädte. Dafür sorgte die MZ mit ihrem Mythos. „Das kleine Wunder - fährt bergauf wie andere runter", hieß es damals in der Werbung und wenn man sich den Satz in sächsischem Dialekt vorstellt, reimt er sich auch.

 

André Hunger ist schon eine MZ gefahren, als er das noch gar nicht durfte. Als er das in seinem kleinen Büro zugibt, guckt er verlegen auf seinen Kugelschreiber, den er nun vor sich auf seinen weißen Schreibtisch legt. Sein Großvater hatte ständig in der Scheune an seiner MZ rumgeschraubt und Hunger, ein „kleiner Stöpsel", habe ihm zugesehen und geholfen. Bis er halt irgendwann auch mal fahren durfte. Und als André Hunger zum ersten Mal selber fuhr, war klar, dass auch er bei MZ arbeiten würde. So wie sein Großvater, so wie sein Vater, so wie sein Bruder. Gleich nach dem Maschinenbaustudium in Chemnitz kam er ins Werk. 30 Jahre ist das nun her. Erst arbeitete er im technischen Einkauf, dann in der Planung, heute ist er Personalchef.

 

Wenn André Hunger in seinem Büro versucht, die Gründe des Scheiterns zu erklären, unterstreicht er seine Worte, indem er mit dem Kugelschreiber auf den Tisch klopft. Vielleicht wollten die Stammkäufer nach der Wende auch mal was anderes, jetzt, wo sie es konnten. Und dann verzögerte sich die Entwicklung des neuen Modells, die großvolumige 1000er kam schließlich mit Mängeln auf den Markt, musste nachgebessert werden. Jahrelange schrieb das Werk Verluste, bis heute. Und wenn Hunger zu diesem Punkt kommt, sagt er leise, böse Sätze, in denen es um „Profit" geht und darum, dass die Asiaten alles billiger könnten.

 

In seinem Genthiner Büro wiederum spricht Bürgermeister Wolfgang Bernicke aus, was für Zschopau wohl ebenso gilt: „Es geht hier nicht nur um Arbeitsplatz-, sondern vor allem um Identitätsverlust." Weswegen es vielen Genthinern auch wenig Trost bietet, dass Henkel versucht, die Entlassungen in Grenzen zu halten. Laut einem Unternehmenssprecher will ein Logistikdienstleister die Einstellung von 100 Beschäftigten versprochen haben, eine noch auszugliedernde Firma für Zulieferprodukte soll weitere 50 Mitarbeitern auffangen. Bernicke hat trotzdem Angst: „Wenn Henkel geht, verfällt Genthin zu einem dieser unwichtigen, verschlafenen, ostdeutschen Städtchen, von denen es so viele gibt."

 

In Zschopau wenigstens soll es nun Angebote von Investoren geben. „Wankel AG" ist der letzte Name, der im Moment mit einem möglichen Kauf des MZ-Werks in Verbindung gebracht wird. Und vielleicht ist das mit der Telefonwarteschleife ja auch so etwas wie ein Signal, eine verklausulierte Erklärung: Wir sind bereit!

 

Die Empfangssekretärin sagt, sie wisse nicht, ob das mit „Wind of Change" Absicht sei. Dann fragt sie einen Kollegen und man hört in der Zwischenzeit wieder das Pfeifen von Scorpions-Frontmann Klaus Meine. Dann sagt die Frau, das Lied habe wohl eine Kollegin ausgesucht, schon ewig her. Die Kollegin arbeite nicht mehr hier.