Und plötzlich ist später jetzt

Die Tatsache, dass die Mitglieder unserer WG exemplarisch standen für viele Mitglieder unserer Altersgruppe und dass in ihrer Konstellation der Kampf zwischen dem Ankommen im Erwachsensein durch Claudia und der Weigerung des Erwachsenseins durch Lars ausgetragen wurde, wurde auf unserer Abschieds-WG-Party nach einem Jahr Zusammenwohnen sehr deutlich.
Lars war an diesem Tag in depressiver Grundstimmung. Es war wieder einmal ein Abschied. Und er wurde durch die Party wieder einmal darauf hingewiesen, dass zwei weitere Menschen das sinkende Schiff verließen: Claudia würde in die wohlverdiente Pärchenwohnung ziehen und ein Zimmer für den Nachwuchs freihalten, ich ging zurück in meine eigene Wohnung, die irgendwie auch ein Zwischenstopp zur Pärchenwohnung ist, ein Übergangsdomizil, und die immerhin verdeutlicht, dass man sich aus dem WG-Leben verabschiedet hat, dass man ein WG-Leben für sich nicht mehr für passend hält oder man immerhin denkt, man hätte sich davon verabschieden müssen.
Schon bevor die Party eigentlich losging, wollte Lars mit Claudia und mir mehrfach hintereinander einen Kreis formieren und mit aneinandergeschmiegten, schweren Köpfen »We are the champions« singen, wohingegen Claudia am liebsten erstmal nur im Hintergrund den Soundtrack von »Buena Vista Social Club« oder irgendwas von Carla Bruni aufgelegt hätte. Lars sang lauter, als die Musik war. Oft gab es auch grobe Textschnitzer, die unkommentiert hingenommen wurden, als hätte sie niemand registriert.
Claudia schunkelte nur halbherzig, denn eigentlich wollte sie weiter verhandeln, dass in ihrem Zimmer bitte heute Nacht nicht gefeiert wird, dass sie es aber dennoch gern zur Verfügung stellen würde, um auf dem Bett Jacken abzulegen. Ansonsten solle die Tür bitte geschlossen bleiben. Lars willigte ein, er wollte, dass sie ihn in Ruhe singen ließ. Beide waren zufrieden.
Es waren alle Leute eingeladen, die man kannte. Auch solche, mit denen man so gut wie nichts mehr zu tun hatte. Eine Maßnahme gegen die alte und tiefsitzende Angst, dass niemand zur eigenen Party erscheint. Ich hatte aus diesem Grund sogar etwas getan, was man heute fast gar nicht mehr tut, was vor kurzem aber normal war: Ich hatte Menschen aus Berlin zu einer WG-Party in Köln eingeladen und angeboten, dass sie sich auf Isomatten in der Wohnung zum Schlafen verteilen dürften.
Die Eingeladenen aus Berlin haben daraufhin allerdings in der Mehrzahl das getan, was man heute fast immer tut, wenn einen solche nervigen Einladungen erreichen und was früher nicht normal war, weil man sich früher auf eine Party wochenlang freute und dafür gern auch die stundenlange, zermürbende Fahrt über die verstopfte A2 in einem vollen Reisebus mit moderner Schlafsesselbestuhlung auf sich nahm: Sie sagten freundlich, aber bestimmt ab. Festivitäten, zu denen man heute die Stadt verlässt, sind mittlerweile Hochzeiten von Freunden, keine Saufgelage ohne gravierende Anlässe. Höchstens noch ein dreißigster Geburtstag von jemandem, den man wirklich lange kennt und wirklich gerne mag. Früher hatte man Angst, etwas zu verpassen, weil man nicht auf einer bestimmten Party erschienen ist. Heute befürchtet man etwas Wichtiges zu verpassen, eben weil man am Abend zuvor auf diese Party gegangen ist.
Die Tatsache, dass Claudia und Lars in ein und derselben Altersstufe schon völlig unterschiedliche Leben lebten, wurde auch an der Zubereitung der Partyverpflegung deutlich. Niederschlag davon, sich entweder noch in einer nostalgischen Restjugendphase zu befinden oder schon in einer zufriedenen Früherwachsenenphase, ist die Zubereitungsart eines festen Bestandteils der klassischen Partyverpflegung, des Party-Evergreens: des Nudelsalats.
Lars stand bereits am frühen Nachmittag (»Der wird erst richtig geil, wenn der ordentlich durchzieht«) in einem alten, verwaschenen Fruit-of-the-loom-Shirt von 1992 vor einer orange farbenen Plastikrührschüssel mit zwei Kilo kalten Spirelli-Nudeln. Er warf eine Faustvoll Speisesalz hinzu, dann leerte er mit schabendem Geräusch mehrere Konservendosen Erbsen und Mais hinein, eine ganze gewürfelte Hertha-Fleischwurst, Käsewürfel, Gemüsebrühe und drei Tuben Mayonnaise. Dann rührte er kräftig um, und es gab schmatzende Geräusche. Der unmittelbare Zweck seines Nudelsalats war kein kulinarischer Hochgenuss, sondern eine solide Grundlage zu schaffen für das, was er auf die klebrige Anrichte neben die Schüssel stellte: literweise Fabersekt, Blanchet-Wein in Rot und Weiß und billiges Jägermeisterimitat. Später würde eine Horde Männer in witzigen T-Shirts (»to beer or not to beer« und »Dort mund« mit einem Pfeil nach unten in Richtung Geschlechtsteil), die aussahen, als kämen sie direkt von einem Junggesellenabschied in der Kölner Altstadt, unter großem Jubel noch ein Fass »Dom Kölsch« hereintragen.
Claudia entschied sich bei ihrer Nudelsalatvariante für Fettuccine. Sie arbeitete ohne Mayonnaise, dafür mit Olivenöl aus Ligurien, das für gute Anlässe aufgespart und normalerweise in ihrem Zimmer gehortet wurde, und einem winzigen Schuss Tariquet. Dazu gehörten in ihren Nudelsalat Rucola, gehobelter Parmesan, Cherrytomaten und geröstete Pinienkerne. Und wenn man sie im Biomarkt fand, auch noch eine reife Avocado in Würfeln. Für den Nudelsalat gab es viel Lob, vor allem von Frauen, die in schwarzen Kaschmir-Boleros zur Party kamen, und von Männern, die ihre Haare mit einer kleinen Portion Gel mit beiden Händen von den Ohren beginnend in einer Dreiecksbewegung nach oben gegelt hatten.
Außer den Nudelsalaten gab es noch Erdnussflips und Billigchips, die entgegen Claudias Bemühungen irgendwann nicht mehr in dekorative Schüsseln gefüllt, sondern mit klebrigen, gierigen Bierhänden direkt aus der Tüte gegriffen wurden. Dazu schwammen aufgeplatzte, blassrosafarbene Würstchen in einem fiesen 70er-Jahre-Topf, die den Abend über mehrfach wieder aufgewärmt wurden und die sich alle Gäste mit der Hand aus dem Wurstwasser fischten. Ganz betrunkene Leute zerbrachen die Wurst auch mehrfach, um sie noch zu der Fleischwurst in Lars' Nudelsalat zu bröseln, der irgendwann aus Teetassen gegessen wurde, weil die uneinheitlichen WG-Teller aufgebraucht waren. Irgendjemand brachte einen Blattsalat mit (dessen Transportschüssel ab diesem Moment in den WG-Besitz übergeht), es gab Bouletten, Baguette und Kräuterbutter. Dann noch ein paar Kuchen, ein Chili con Carne. Aber ich greife vor.
Irgendwann waren Claudia und Lars fertig mit ihren Party- Vorbereitungen. Sie stießen an. Lars hatte ein Reissdorff- Kölsch aus der Flasche in der Hand, und es gluckerte lange, als er trank, Claudia ein Glas Prosecco, bei dessen Befüllung sie aufgeregt »Stoppstoppstopp« rief, sobald der erste Tropfen den Grund des Glases berührt hatte. Claudia sagte »Chin Chin«, legte den Kopf ein bisschen schief und zwinkerte, Lars sagte »Prostata« und atmete schwer. Der erste Partygast schließlich war der Gast, der auf jeder Party als Erstes erscheint: eine Frau mit blasser Gesichtsfarbe und geschwächter Haltung, die im Hereinkommen eine Hand auf den Bauch drückt, sofort sagt, sie hätte so ein »Loch im Magen«, ob sie sich vielleicht schon mal ein Stück Brot nehmen könne, und die sich dann bereits vor Partybeginn einmal quer und gierig durch das ganze Büfett frisst, ein Schlachtfeld hinterlässt, sich in eine ruhige Ecke zurückzieht und hinterher mit den Mundwinkeln voller Kräuterbutter und Krümeln erleichtert sagt, dass es ihr jetzt ein kleines bisschen besserginge.
Die Party begann charakteristisch, mit einigen unangenehmen Partygesprächen, die zwischendurch lange Pausen hatten, bevor man aus Verlegenheit so etwas sagt wie: »Also, die Mieten in Berlin sind mit den Mieten in Köln ja wirklich überhaupt nicht zu vergleichen.« Der Gesprächspartner springt erleichtert darauf an und erwidert: »Ja gut, aber vom Preisniveau her ist Berlin ja wirklich eher die Ausnahme. Was echt arschteuer ist, ist ja Stuttgart.« »Und München!« »Ja, aber wer nach München zieht, ist ja sowieso ein Idiot. Also, da würde ich ja niemals hinziehen.« München-Bashing ist bei vielen Leuten ja ein sicheres Konsens-Pflaster, weswegen es oft in solchen Situationen betrieben wird, in denen Leute ein auflockerndes Gemeinschaftsgefühl zu schaffen versuchen. Die Gesprächspartner haben ansonsten oft nur die Tatsache gemein, noch nie in München gewesen zu sein.
Dann stieß man verlegen einfach noch mal an, wippte vielleicht zum Takt der Musik mit dem Kopf, guckte in die Gegend, auf der Suche nach Inspiration, um ein neues, vielleicht ergiebigeres Thema anschneiden zu können, das der Gesprächspartner bestimmt ebenfalls dankbar annehmen würde, um die Stille zu beenden. »Prenzlauer Berg ist ja langsam leider total totsaniert, ne?«, sagt man vielleicht noch kurz und erhält keine Reaktion oder nur »hmpf«. Dann schaut man sich nach einem wichtigen Grund um, den Gesprächspartner zu wechseln. Ein Grund, der keinesfalls vorgeschoben wirken darf, um keinen Partygast zu kränken, auf diese Weise seine Stimmung zu drosseln und ihn am Aufbau von ausgelassener Feierstimmung zu hindern.
Auch heute gilt auf Partys noch ausnahmslos die bereits seit frühen Jugendtagen geltende Regel: Der weibliche Teil der Gäste ist dafür verantwortlich, die klemmige Anfangsstimmung einer Party ins Gegenteil umzukehren. Früher ging das ohne Alkohol und funktionierte auf die Art und Weise, dass die Mädchen - wenn sie sich schon nicht trauten, einen Jungen aufzufordern - erst mal mit ihrer besten Freundin Schieber tanzten, bis die Stimmung einigermaßen gelöst war.
Heute sind es als Erstes ein paar kichernde Frauen, die irgendwann im Grüppchen vor der Musikanlage knien und »Girls just wanna have fun« von Cyndi Lauper auflegen, um dann schließlich zu »Like a virgin« anzüglich zu tanzen und zu versuchen, die Männer gewaltsam auf die Tanzfläche zu ziehen. Wenn sich die Anfangsaufregung gelegt hat, bewegen sich irgendwann auch ein paar Männer linkisch und vorerst unauffällig am Tanzflächenrand, um die Bewegungen unauffällig ausladender werden zu lassen, bis sie selber rhythmisch die Fäuste recken und den Text von »Wake me up before you gogo« auswendig können. Mit 30 wird man immerhin in einer Hinsicht gelassener: Man schämt sich nicht mehr zuzugeben, dass man Udo Jürgens irgendwie mag. Sollen doch die echten 20-Jährigen die Babyshambles hören, bitte sehr.
Eine weitere Konstante im Verhalten weiblicher Partygäste ist der Umstand, dass irgendwann eine Frau weint. Die Gründe für diese Tränen sind vielfältig. Mal geschieht es, weil vor drei Jahren der Stiefonkel gestorben ist, mal, weil einem ganz plötzlich auffällt, dass man sich von seinen Eltern einfach noch nie geliebt fühlte. Mal auch einfach nur deswegen, weil man gerade beim Toilettengang das eigene verstrahlte, müde Gesicht mit dem viel zu grellen Lippenstift und der sich langsam in schwarzen dünnen Würsten auf den Augenlidern absetzenden Wimperntusche im Badezimmerspiegel gesehen hat und sich fragt, warum man eigentlich überhaupt hier ist und nicht in einem Doppelbett neben jemandem liegt, der »Gute Nacht« gewünscht hat und sich auf morgen freut und der besorgt aufwachen würde wenn man - einfach mal nur, um zu gucken, was passiert - einen Erstickungsanfall vortäuscht.
Auf unserer Party weinte als Erstes eine Frau namens Marlene, und dies hatte einen ganz einfachen, ehrlichen und leicht zu verstehenden Grund: Sie hatte sich weh getan. Ich fand daher eine gute Gelegenheit, das schleppende Gespräch mit einem Mann namens Jonas zu beenden. Ein langweiliger Typ, der sich überhaupt nicht entscheiden konnte, ob er Mario Barth oder Michael Mittermeier lustiger finden soll, und der im Winter Jacken mit Fellkapuzen und Gürtel trug, die aussahen, als würden sie eigentlich Kai Pflaume gehören.
Ein alkoholisierter Mann, der Gustaf hieß und schwedischer Erasmusstudent war, hatte sich im Bad, als er sich ein Bier aus der Badewanne greifen wollte, zur körperlichen Stabilisierung am Duschvorhang festgehalten, woraufhin die Verankerung der Duschvorhangstange aus der Wand brach, der Mann grölend in die Bierwanne und die Duschstange auf den Kopf der gerade das Bad betretenden Marlene fi el, die sofort zusammenbrach und sich etwas übertrieben auf den Fliesen krümmte. Gustaf saß in der Badewanne, und es rieselte Putz auf seinen Kopf. Dann stieg er umständlich aus der Wanne, entschuldigte sich mit Küssen bei der weinenden Marlene und trocknete sich anschließend mit einem Haarföhn, den er irgendwann wie ein Mikrophon verwendete, und eierte zurück auf die Tanzfläche.
Die Tanzfläche war mittlerweile voll. Und die, die früher mal einen Tanzkurs besucht haben, werden heute darum beneidet, einen halbwegs glaubwürdig aussehenden Foxtrott auf den abgeschliffenen Dielenboden legen zu können. Manchmal knutschten sogar noch Menschen, die sich vorher gar nicht kannten. Aber die Zeiten, in denen man nach Partys am nächsten Tag ganze Beziehungskonstellationen neu lernen musste und sich sicher sein konnte, dass irgendwas Aufregendes auf einer Party passiert ist, sind vorbei. Die meisten haben sich bereits irgendwie gefunden.
Das ist auch der Grund dafür, dass einem auf Privatpartys nicht nur positive, ausgelassene Feierstimmung entgegenschlägt, sondern ab einer gewissen Uhrzeit und steigendem Alkoholpegel auch der schneidende Geruch purer, geballter Frustration. Singles sind heute nicht mehr die entspannten, beneidenswerten, lustigen Partymotoren, die sie noch vor kurzer Zeit waren. Sie sind auf Partys nicht mehr bevorteilt, weil sie alles dürfen und die allgemeinen und geheimen Objekte der Begierde sind und am Ende allein und souverän nach Hause gehen.
Heute sind die Singles oft die, die andere Leute aggressiv und unter Einsatz von Körperlichkeiten zum Bleiben überreden, wenn diese die Party verlassen wollen, weil der Babysitter nur bis eins bleiben und auf Finn-Merlin aufpassen kann. Gleichzeitig ist es nicht so, dass diese Singles den meisten Spaß auf der Party haben, oft geht der Partybesuch auch mit einem gewissen Selbsthass einher, sich schon wieder die Nacht um die Ohren zu schlagen, auf der Suche nach Beendigung des Singlelebens. In der Regel wissen sie natürlich, dass eine Privatparty meist nicht der Boden ist, auf dem die große Liebe wächst. Trotzdem haben große Mengen Alkohol und die hemmungslose Zurschaustellung anderer Leute Glücks den suchenden Single, ob Mann oder Frau, mürbe gemacht, und er wirkt klammerig, geil, griffig und wie jemand, der es »sehr nötig« hat. Bestenfalls wird er als arme Wurst gesehen, schlimmstenfalls wie eine aufgedrehte, hysterische, besoffene Unperson, die mit allen tanzen möchte und irgendwann verzweifelt Brüderschafttrinken vorschlägt, um zu einem Lippenkontakt zu kommen.
Die Angst vor dem Singlesein rührt auch daher, dass diejenigen, die keine mehr sind, sich ein neues Leben aufgebaut haben. Natürlich bleibt man mit der guten Freundin befreundet, wenn sie heiratet und mit ihrem Mann zusammenwohnt. Aber man ist irgendwann nicht mehr automatisch jedes Wochenende mit ihr verabredet und jederzeit willkommen. Es ist nicht mehr klar, dass der Sommerurlaub als gemeinsame Zeit reserviert ist. Die Zeit der unkaputtbaren Mädchenfreundschaften geht nun in eine andere Phase über.
Wer früher Single war, erntete im Freundeskreis warmherzigen Applaus, und alle freuten sich, dass man jetzt wieder mehr ausgehen und Zeit mit den anderen Mädchen verbringen konnte. Heute steht man weitestgehend allein da, wenn man Single ist. Man kann sich am Donnerstag mit Nina zum »Germany's Next Topmodel«-Gucken verabreden, am Freitag mit Julia zum Ausgehen oder mit Antonia zum Bier, aber man kann nicht mehr einschränkungslos mit Schlafsachen vor der Tür stehen, und es ist auch nicht klar, dass in diesem Fall jemand Zeit haben muss.
Plötzlich hört man auch immer öfter, dass 30-jährige Frauen allein nach Kreta fahren und dann hinterher betonen, es habe auch mal ganz gut getan, so allein zu sein und gute Bücher zu lesen und vielleicht ein paar Runden mit der Spaßbanane zu drehen, die hinter einem Motorboot auf dem Ozean hergezogen wird. Echt, das war entspannend so allein.
Alle äußern Verständnis und sagen, das sei ja wirklich keine schlechte Idee, und vielleicht würde einem selber das auch mal guttun. In Wirklichkeit meint man zu wissen, dass die Leute allein verreisen, die einfach keinen Reisepartner gefunden oder keinen gesucht haben, weil sie die Erfahrung nicht machen wollten, keinen Reisepartner zu finden oder mit einem Verlegenheitsreisepartner durch die Mondlandschaft Lanzarotes zu laufen, der einen noch einsamer machen würde.
Früher war es klar, dass man mit seiner Gruppe verreisen konnte und dass es lustig werden wird, auch wenn der Ort schrecklich sein und die Aussicht vom Hotelzimmer an ein Kriegsgebiet erinnern würde. Heute wird wochenlang darüber diskutiert, ob man das hübsche Haus in Italien direkt am Weinberg mieten möchte oder lieber die alte Windmühle. Man könnte ja auch zu viert fahren mit Beatrix und Steffen, was haben die denn vor? Man bemerkt natürlich schon, dass man aus den alten Freundinnenurlauben deutlich mehr zu erzählen hat als aus den Pärchenurlauben, trotzdem wird man das Gefühl nicht los, dass diese Zeiten vorbei sind.
Am Ende eines nostalgischen Abends mit alten Urlaubsgeschichten willigen alle alten Mädchenfreundinnen ein, Streit in der Partnerschaft in Kauf zu nehmen, auf Verwandtschaftsbesuche zu verzichten und in diesem Sommer - komme, was wolle - zusammen zu verreisen. Am Ende werden zwei, drei Telefonate der engagiertesten Freundinnen geführt, Terminkalender verglichen, und man einigt sich auf drei gemeinsame Tage an der Nordsee. »Und bitte mit Wellness-Bereich und Tepidarium«, sagt eine, und alle sind einverstanden.
Lars hatte seine alte Wasserpfeife hervorgekramt, und damit nicht nur helle Freude bei den Partygästen ausgelöst, sondern auch den Herd des seit mehreren Wochen in seinem Zimmer wabernden Gestanks, der auch nicht abklang, als er seinen Wäschekorb zum Leidwesen aller anderen WG-Bewohner aus dem Zimmer ins Bad auslagerte, ausfindig gemacht.
Die Frau im Kaschmir-Bolero zierte sich zwar erst, zog aber dann mit einem Lungenvolumen wie ein Zuchtbulle am Mundstück, als hätte sie nie etwas anderes in ihrem Leben getan, und ließ sich dann kichernd eine Tüte Erdnussflips reichen, obwohl sie es den ganzen Abend lang geschafft hatte, vollständig auf Kohlenhydrate zu verzichten. Die Küche roch nach Kiffe und Brackwasser. Die Frau im Bolero stieß einmal bei geschlossenem Mund sauer auf und überlegte, ob ihr schlecht sei, dann aber wurde im Wohnzimmer »Yes Sir, I can boogie« gespielt, und sie eilte grußlos aus der Küche. Im Wurstwasser trieb eine Zigarette.